Vortragsreihe - Die Sintflut im Denken um 1700

 

Vortragsreihe - Die Sintflut im Denken um 1700 (in Verbindung mit der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek):

Dr. Frank Böhling (Berlin): Von Babel nach Latium. Die Urgeschichte Italiens nach Athanasius Kircher. Donnerstag, den 26. Juli 2018, 17:00 Uhr. - Dr. Stephan Waldhoff (Potsdam): Ein Ausbruch aus der kleinen Welt des heiligen Buches? Praeadamiten und Sintflut. Donnerstag, den 23. August 2018, 17:00 Uhr. - Prof. Dr. Michael Kempe (Hannover): Tod des Feuersalamanders. Sintflut, Erdgeschichte und Entwicklung des Lebens bei G. W. Leibniz. Donnerstag, den 27. September 2018, 17:00 Uhr. - Prof. Dr. Wenchao Li (Potsdam): War die Sintflut ein lokales Ereignis? Chinesische Geschichte versus biblische Überlieferung. Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 17:00 Uhr.

 

 

Die Sintflut im Denken um 1700

Bonorum et malorum consensio, J. Sadeler nach M. de Vos, 1586, © Biblioteca Nacional de España, sign. ER/1570, PID bdh0000007960

Einführung in das Thema

(von Nora Gädeke)

Nicht nur die Bibel (1. Mose 6-9) kennt eine Sintflut. Auch in anderen Kulturkreisen, etwa im Gil­gamesch-Epos oder in der griechischen Mythologie, gibt es Erzählungen von Gott-gesandten kata­strophalen Fluten, die alles auf Erden vernichten bis auf ein Paar, mit dem das Leben auf Erden einen neuen Anfang nimmt, mit dem die Menschheit neu beginnt. Für uns ist es die biblische Sintflut, die tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert ist – längst von ihren biblischen Ursprüngen gelöst, zur Metapher geworden.

Wir bezeichnen etwas als „vorsintflutlich“, wir sprechen von „sintflutartigen Regenfällen“. Sintflut wird als Code für Natur- und Umweltkatastrophen verwendet – und für katastrophale Ereignisse überhaupt. Der 2. Nordische Krieg, der die einstige Großmacht Polen dauerhaft schwächte, trägt dort den Namen „die schwedische Sintflut“; von Bertolt Brecht stammt die Analogie der schwarzen Gewässer der Sintflut zum Dritten Reich.

Und überhaupt: „Kein anderes Naturereignis der christlichen Überlieferung hat seit der Antike die menschliche Phantasie in den Bereichen der Theologie, der Kunst, der Literatur und der Wissenschaft mehr angeregt und beschäftigt als die in Genesis 6-9 beschriebene weltumspannende Überschwemmung“.

Dieses Zitat aus der Arbeit Michael Kempes, Wissenschaft, Theologie, Aufklärung. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und die Sintfluttheorie, führt zum Thema unserer Vortragsreihe, die sich mit Theoriebildungen zur Sintflut und ihren Folgen in der frühen Aufklärung beschäftigt. Sie führt damit nicht nur in die Leibnizzeit (auch Leibniz selbst wird zur Sprache kommen), sondern auch mitten hinein in Themen und Strukturen des damaligen wissenschaftlichen Denkens; in eine Zeit polyhistorisch-universalwissenschaftlicher Gelehrsamkeit. In der Auseinandersetzung mit der bibli­schen Sintflut-Erzählung treten Theologie und Naturwissenschaften, Philologie und Geschichtsfor­schung, Frühformen von Ethnologie und Anthropologie, Geologie und Archaeologie in ein frucht­bares Wechselspiel ein (das à la longue allerdings in Auseinanderentwicklung mündet).

Noch gilt die Bibel als historisches Buch. Aber wie die profane Überlieferung wird auch die bibli­sche jetzt kritisch untersucht. Gleichzeitig wird das Buch der Natur lesbarer; die Naturwissenschaf­ten liefern Erklärungsansätze, die ohne göttliches Eingreifen auskommen. Noch wird nach einer Vereinbarkeit von Wissen und Glaube gesucht. Aber es werden Fragen gestellt: etwa zur Herkunft der enormen Wassermassen; ob die Fluten wirklich global waren    oder lokal; nach dem Fassungs­vermögen der Arche    und ob sie tatsächlich alle Arten von Lebewesen aufnehmen konnte; nach den Voraussetzungen für eine postdiluviale Ausbreitung von Lebewesen auf der ganzen Erde. Oder zur Zaesur, die die Sintflut für Natur und Menschheit bedeutet: hat sie die Welt als Trümmerhaufen hinterlassen, hat sie ihren Zustand verschlechtert – oder aber in der Erneuerung verbessert? Das be­trifft die Natur ebenso wie die Kultur: hat es in den vorsintflutlichen Zeiten eine Hochkultur gege­ben, deren Errungenschaften durch die Wasserfluten in Vergessenheit gerieten – oder liegen die An­fänge der Kultur erst danach? War die Menschheit vor der Flut im Besitz ursprünglicher Weisheit – oder eben „vorsintflutlich“, primitiv? Schon im 17. Jahrhundert wird gefragt: was können wir über die Zeit vor dem Diluvium eigentlich überhaupt wissen? Es werden Beziehungen hergestellt  – etwa zu geologischen Formationen, der Entstehung der Berge ebenso wie von Fossilien. Die Sintflut wird zum Ausgangspunkt von Reflexionen über die Geschichte der Natur und der Menschen – der Menschheit wie einzelner Völker. Schließlich wird aber auch gefragt: hat es sie überhaupt gegeben? Ist „Sintflut“ nicht viel mehr ein Code für ein katastrophales Ereignis, etwa einen großen Krieg? Diese uns modern anmutende Frage ist bereits um 1700, im Zuge der sich entwickelnden Bibelkri­tik, gestellt worden – unter anderen von einem der zentralen Leibniz-Korrespondenten, dem Helm­stedter Orientalisten von der Hardt.

In unserer kleinen Vortragsreihe können wir dieses Themenfeld natürlich allenfalls schlaglichtartig, exemplarisch, in wenigen Vorträgen anreißen. Aber wir wollen damit einen kleinen Einblick in Dis­kurse um 1700 geben, die man heute als interdisziplinär bezeichnen würde – Diskurse, deren Fragen im Detail vielleicht nicht mehr die unseren sind, die aber mit zur Ausbildung des modernen Weltbil­des beigetragen haben. Ganz abgesehen davon natürlich, dass das katastrophale Hereinbrechen gro­ßer Wassermassen uns zur Zeit wieder sehr gegenwärtig ist; auch wenn unsere Deutungen dafür profan sind – und Archen, die heute für den Fall einer Unbewohnbarkeit der Erde projektiert wer­den, eher die Gestalt von Raumschiffen annehmen.

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