Exkursion 2018

Johann Georg Leuckfeld: Antiquitates Gandersheimenses. Oder Historische Beschreibung Des Uhralten Käyserl. Freyen Weltlichen Reichs-Stiffts Gandersheim, 1709.

exkursion 2018

Leibniz, das Reichsstift Gandersheim und die Geschichtsforschung um 1700

 

Exkursion nach Gandersheim, Clus und Brunshausen

Leitung: Dr. Nora Gädeke (Hannover).

Sonntag, den 16. September 2018.

 

Johann Peter Harburg: Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, Äbtissin von Gandersheim, um 1734, Gemälde im Kaisersaal des Stifts Gandersheim.

Die Geburt der Historie aus der fürstlichen Repräsentation: Leibniz, das Reichsstift Gandersheim und die Geschichtsforschung um 1700

Die Exkursion nach Bad Gandersheim gibt Gelegenheit, das Thema zu behandeln, mit dem Leibniz 30 Jahre lang am hannoverschen Hofe befasst war, seinen "Sisyphos-Stein": die welfische Hausgeschichte. Der Abschluss dieser dienstlichen Aufgabe wurde bekanntlich durch den Tod vereitelt, knapp vor der Fertigstellung eines zentralen Teils, der Geschichte des frühmittelalterlichen Reiches in der Karolinger- und Ottonenzeit. Der ottonischen Dynastie, dem "ersten Haus Braunschweig", kam hier eine besondere Bedeutung zu - und damit auch Gandersheim, im 9. Jahrhundert vom ottonischen Ahnherrn Liudolf begründet und weit über die Ottonenzeit hinaus eines der ersten Frauenstifte des Reiches. Um 1700 setzten hier Aktivitäten ein, die eigene Geschichte aufzuarbeiten; unter einem Postulat, von dem auch der Historiker Leibniz sich leiten ließ: Quellenorientierung und Kritik (aber auch, um die große Vergangenheit darzustellen). Leibniz hatte Korrespondenzkontakt nach Gandersheim und hielt sich hier auch selbst zu Quellenstudien auf. Zu den beiden bedeutendsten Äbtissinnen seiner Zeit bestand eine weitere Verbindung: die eine war Tochter, die andere Enkelin Herzog Anton Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel, Leibnizʼ großem Mäzen.

Auf der Exkursion werden Mittelalter und Frühe Neuzeit gleichermaßen zur Sprache kommen: die mittelalterliche Stiftskirche und die dem Stift einst unterstellten Klöster Clus und Brunshausen in ihrer Geschichte, Architektur und Ausstattung ebenso wie das Reichsstift unter den beiden Fürstäbtissinnen im 17./18. Jahrhundert - und die Erforschung der mittelalterlichen Geschichte um 1700, insbesondere durch Leibniz.

 

 

Leibniz und die Gandersheimer Geschichtsquellen

 

von Nora Gädeke

  

Zu den Leitlinien der in der Leibniz-Zeit modernen Geschichtsforschung, wie sie sich im Laufe des 17. Jh. entwickelt hatte,  gehört die Orientierung an Quellen. Kenntnis von der Vergangenheit soll nicht aus immer wieder weitererzählten und ausge­schmückten „Geschichten“ kommen, sondern aus dem, was einer kritischen Überprü­fung Stand halten kann. Dass nicht alles, was überliefert ist, gleichermaßen glaub­würdig sei, sondern erst überprüft werden müsse, dieses Postulat, von dem auch die heutige Geschichtswissenschaft bestimmt ist, gilt seit dem 17. Jh. Es stammt ur­sprünglich aus der Rechtspraxis; viele der damals mit der Historie befassten Gelehr­ten waren ja eigentlich Juristen. Tatsächlich lassen sich kritische Überprüfung von Quellen und das daraus folgende Urteil mit einem juristischen Prozess vergleichen: Historische Quellen werden wie Zeugen vernommen: ihre Aussagen werden in De­tails zerlegt und auf Glaubwürdigkeit (und eventuelle Abhängigkeit) überprüft; das schließliche Urteil basiert (zumindest dann, wenn mehrere Zeugen vorhanden sind) nicht auf den Aussagen Einzelner, sondern ist eine Rekonstruktion. Leibniz, der ge­lernte Jurist, hat das zu Beginn seiner Zeit in Hannover einmal so ausgedrückt: „Ein Historiker [d.h. ein Quellenautor] ist nichts anderes als ein Zeuge, der sein Zeugnis in schriftlicher Form ablegt, um es der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen und der Nachwelt zu überliefern“.

                Bevor Quellen, kritisch geprüft, in die Rekonstruktion von Geschehenem ein­gehen, müssen sie aber erst einmal zugänglich sein. Heute, da unzählige Quellen insbesondere zur Geschichte des Mittelalters in Editionen vorliegen, kann man sich kaum noch vorstellen, wie die Situation vor 300 Jahren war: ein Herumtasten im Nebel. Bereits im 16. Jahrhundert hatten Humanisten manches von dem, was in Fürs­tenhöfen und Klöstern verborgen lag, der Öffentlichkeit im Druck zugänglich ge­macht. Die Gelehrten der Leibniz-Zeit fanden bereits ein paar gebahnte Wege vor – und neue Hürden. In den damaligen Zeiten der bella diplomatica, des Streits mit der Feder um Besitz und Rechte und des Einsatzes von Quellen als Beweismittel, wird der Zugang zu ihnen zum Politicum – und erschwert. Geistliche und weltliche Terri­torialherren fürchten die Offenlegung ihrer Schätze; weniger wegen des materiellen Wertes oder ihrer Fragilität (was heute wohl im Vordergrund stünde) als wegen der Brisanz, die in der Zugänglichkeit des Inhalts für die Öffentlichkeit liegen könnte. Der Benutzung durch Gelehrte (insbesondere dann, wenn sie nicht zum eigenen Terri­torium gehörten) sind damit oft enge Grenzen gesetzt. Leibniz hat das selbst erlebt, als er zur Quellensuche für die welfische Hausgeschichte durch Oberdeutschland und Italien reiste. Umgekehrt macht, wer Quellen (oder allein schon Handschriftenver­zeichnisse) ans Licht und in die Öffentlichkeit bringt, sich hochverdient für die ge­lehrte Welt; dort haben Quelleneditionen ein heute gar nicht mehr vorstellbares hohes Prestige.

                Auch das hat Leibniz selbst erfahren. Er hat eine ganze Reihe von Quellenwer­ken herausgebracht, zu seinen Lebzeiten haben sie seinen Ruf in der gelehrten Welt vorrangig bestimmt. Das mag uns heute abwegig vorkommen, da wir ihn vor allem als den großen Philosophen, Mathematiker und Wissenschaftsorganisator sehen – aber hier ist zu berücksichtigen, dass von Leibniz' eigentlichem Œuvre damals nur sehr wenig publiziert war.

                Gleich die erste Edition von 1693 hat ihm Eintritt in die „erste Reihe“ der Ge­lehrtenrepublik verschafft: der Codex juris gentium diplomaticus (1693) mit Urkun­den und Verträgen des Mittelalters bis etwa 1500, geschöpft vor allem aus den rei­chen Beständen der Bibliotheca Augusta zu Wolfenbüttel, mit deren Verwaltung er betraut war (auch hier musste die Publikation erst den regierenden Herzögen abge­rungen werden). Dagegen waren die in den Ergänzungsband Mantissa Codicis juris gentium diplomatici (1700) eingegangenen Texte von vielen Seiten gekommen: das Codex-Projekt, in Leibniz' Verlautbarungen ursprünglich auf mehrere Bände ange­setzt, hat eine ganze Reihe von Personen aus der gelehrten (und auch der politisch-administrativen) Welt dazu gebracht, ihm Material anzubieten. Nicht immer standen dahinter allein gelehrte Interessen; der Codex eignete sich auch gut als Camouflage für ganz andere, politische, Interessen – ein Thema für sich.

                Auf ganz andere Art brisant ist Leibniz' nächste Quellenedition von 1696: das Specimen historiae arcanae sive anecdota de vita Alexandri VI. papae mit Auszügen aus dem Diarium des Zeremonienmeisters Johann Burchard am Hofe des berüchtig­ten Borgia-Papstes Alexander VI. Wiederum basierte die Edition auf einer Wolfenbüt­teler Handschrift, was Leibniz allerdings den Lesern verschwieg – und was sich rä­chen sollte. In der gelehrten Welt war das Echo mäßig, umso stärker andern Orts: an der Kurie. Dort geriet das Werk ins Visier der Indexkongregation und 1704 auf den Index. Mit weitreichenden negativen Folgen für den Historiker Leibniz: von da an war ihm der Zugang zu römischen Quellen, die er für die welfische Hausgeschichte dringend gebraucht hätte, verschlossen. Begründet wurde die Verurteilung nicht nur mit einer Verunglimpfung des Papsttums (und auch noch durch einen Protestanten), sondern vor allem damit, dass Leibniz unterstellt wurde, während seines Rom-Auf­enthalts 1689 die liberalen Nutzungsmöglichkeiten der römischen Bibliotheken zu ei­ner heimlichen Kopie des Textes missbraucht zu haben – hier wurde ihm das Ver­schweigen der Herkunft seiner Druckvorlage zum Verhängnis.

                Unproblematisch waren (und mit großem Beifall begrüßt wurden) die beiden nächsten Editionen, die Accessiones historicae (1698) und die drei Bände Scriptores rerum Brunsvicensium illustratione inservientes (1707, 1710, 1711). Mit ihnen ver­wirklichte Leibniz ein schon länger gehegtes Projekt, die Edition von bedeutenden Quellen zur mittelalterlichen Geschichte - und mit den Scriptores vor allem zur welfi­schen Hausgeschichte. Das war zwar immer noch nicht das von den Welfenhöfen längst ungeduldig erwartete Werk selbst, aber immerhin konnte Leibniz damit schon einmal etwas Gedrucktes vorweisen: den Quellenapparat dazu.

                Freilich nur einen kleinen Teil: das Quellenmaterial, das er im Laufe der Jahr­zehnte für seinen Arbeitsapparat zusammengetragen hatte, war ungleich umfangrei­cher. Viele Regalmeter an Handschriftenfaszikeln in der GWLB zeugen heute noch davon. Nach Leibniz' Tod sollte sich erst einmal sein Mitarbeiter und Nachfolger Jo­hann Georg Eckhart kräftig bedienen und aus diesem Fundus ein umfangreiches  zweibändiges Quellenwerk herausbringen. In den 1750er Jahren wird der hannover­sche Hofbibliothekar Christian Scheidt noch viel mehr Material in 5 gewichtigen Folio-Bänden, den Origines Guelficae, publizieren. Damit ist dann auch das Interesse des längst nach London übergesiedelten hannoverschen Hofes an der Hausgeschichte bedient; späteres Interesse daran kommt nur noch aus der gelehrten Welt.

                Auch in Gandersheim war Leibniz zur Quellensuche. Das erscheint per se ver­ständlich, angesichts der Bedeutung des Stifts bereits für die ottonischen Vorfahren und in der Ottonen- und Salierzeit – und auch aufgrund des Quellenreichtums. Gera­de die Früh- und Glanzzeit unter den Liudolfingern und den ottonischen Kaisern, die Zeit, von der auch Leibniz' Annales Imperii handeln, ist gut dokumentiert; durch Ur­kunden wie historiographische und hagiographische Texte. Große Bedeutung kommt auch Hrotsvith zu, hier weniger ihren Gesta Oddonis als den Primordia, der Grün­dungsgeschichte des Stifts. Zu erwähnen ist auch die im frühen 13. Jh. entstandene niederdeutsche Gandersheimer Reimchronik Eberhards von Ganders­heim, die u.a. auf einer nicht erhaltenen Gründungsgeschichte basiert.

                Allerdings hatte das Stift seine alte Bedeutung und seinen einstigen Reichtum längst verloren. Die historiographische Freilegung der großen Vergangenheit auf Ver­anlassung der Fürstäbtissin Henriette Christine kam erst etwa 1700 in Gang. Und so ist es leicht zu erklären, dass Gandersheim über lange Jahre hinweg in Leibniz' Kor­respondenz nur sporadisch (vor allem mit Hrotsviths Werk) auftaucht; es scheint Zeit gebraucht zu haben, bis sein Interesse daran geweckt war. Als in den 1690er Jahren ein Geschichtsforscher das Angebot macht, in mehreren Klöstern – darunter auch Gandersheim – für Leibniz auf Quellensuche zu gehen und dafür ein kurfürstliches Kreditiv erbittet, kommt eine verspätete, ausweichende Reaktion: wenn ein solches Kreditiv vor Ort abgelehnt werde, sei das gleich in Affront – auch hier also die Er­wartung, ohnehin verschlossene Türen vorzufinden. Genauere Beschäftigung mit den Gandersheimer Quellen erfolgt dann auch zunächst einmal auf einem Umweg: über die Korrespondenten. So erhält Leibniz die Abschrift einer Urkunde Heinrichs II. für das Stift (aus Hildesheim) und die Gandersheimer Reimchronik (aus Helmstedt).

                Zu der Zeit, als sich der erste Scriptores-Band gerade in Vorbereitung befindet, im zweiten Halbjahr 1704, kommen aber auch aus Gandersheim selbst Angebote. Der von Fürstäbtissin Henriette Christine mit der Aufarbeitung und Präsentation der ruhmreichen Geschichte des Stifts beauftragte Sekretär, später Pastor Johann Georg Leuckfeld tritt mit Leibniz in Korrespondenz. Zur Abfassung seiner quellengestützten Stiftschronik Antiquitates Gandersheimensis oder Historische Beschreibing des ural­ten kaiserlich freien Reichs-Stiftes Gandersheim betraut hatte, die 1709 erscheinen sollte, war er auf der Suche nach Hrotsviths Primordia als einer zentralen Quelle für die Frühzeit – und wandte sich an Leibniz. In Kenntnis von dessen in Druckvorberei­tung befindlichen Scriptores schlägt er eine Art Kooperation vor: er fragt an, ob Leib­niz diese Quelle aufnehmen wolle oder ihm zur Verfügung stellen könne (später wer­den beide sie drucken). Umgekehrt informiert er über die Gandersheimer Reimchro­nik (eine typische Form des damaligen Austauschs unter Gelehrten: wer auf Informa­tion hofft, muss auch selbst welche liefern); diese war Leibniz aber, wie gesagt, be­reits aus Helmstedt zugänglich gemacht worden. 1707 kommt erneut eine Anfrage; inzwischen hatte Leuckfeld sich auch an Wolfenbüttel gewandt und Informationen er­halten über Leibniz vorliegende Abschriften.

                Eigentlich ein  starkes Stück: ein auswärtiger Gelehrter nimmt Einblick in lau­fende Arbeiten des Leiters der Bibliotheca Augusta und informiert diesen erst später und en passant darüber! Leibniz dürfte not amused gewesen sein; das spiegelt seine Zurückweisung der ihm von Leuckfeld angebotenen Quelle (die er freilich später doch drucken wird  – aber nach einer Helmstedter Vorlage). Leuckfelds Recherche hier war wohl auch nur möglich, weil er im Auftrag der Äbtissin agierte, die bei ihrem Vater um Erlaubnis gebeten hatte. An sich ist diese Zeit, in der Leibniz nicht mehr allein die Bibliothek leitete, eine Phase starker Einschränkungen für auswärtige Nutzer: auch hierin spiegelt sich wieder das Zusammenwirken von Vater und Tochter.

                Im selben Jahr, 1707, öffnen sich die Gandersheimer Türen aber auch für Leib­niz direkt, und zwar sperrangelweit. Wie es zu diesem ungewöhnlichen Vorgang kam, wird vielleicht klar werden, wenn der zur Zeit in Arbeit befindliche Band der Akade­mie-Ausgabe zum Jahr 1707 abgeschlossen sein wird. Aus der Korrespondenz mit Leuckfeld geht freilich nichts dazu hervor. Damit ist wenig wahrscheinlich, dass er Leibniz Zugang verschaffte. Schließlich waren beide auf dem Feld Gandersheimer Geschichtsquellen ja Konkurrenten. Zudem kommt mit guten Gründen ein anderer Vermittler in Frage. Im Vorjahr, 1706, hatte Leibniz für einen französischen Korre­spondenten nach einer Abschrift der Gandersheimer Statuten aus dem Spätmittelalter gesucht. Er wandte sich dafür nicht an Leuckfeld, nicht an die Fürstäbtissin – sondern an deren Vater, seinen großen Mäzen, Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel; mit dessen Hilfe wird die Bitte sehr schnell erfüllt.

                Jedenfalls, als Leibniz 1707, auf einer Reise, in Gandersheim Station macht, lädt ihn Anton Ulrichs Tochter, die Fürstäbtissin Henriette Christine, geradezu ein, im Archiv zu arbeiten und Quellenstudien zu betreiben. Mindestens zweimal muss er diese Gelegenheit wahrgenommen haben, und so enthalten die Bände 2 und 3 der Scriptores einige Gandersheimer Quellen.

                Hier muss ich zwei Texte erwähnen, die nicht in die Scriptores eingegangen sind: die bereits aus dem 9. Jh., dem Gründungsjahrhundert stammende Lebensbe­schreibung der ersten Äbtissin Hathumod, nicht in den Scriptores, aber in der Quel­lensammlung Eckharts; der Text dürfte also zu Leibniz' Materialsammlung gehört ha­ben. Auch Hrotsviths Gesta Oddonis hat Leibniz nicht erneut ediert. In die Scriptores aufgenommen sind aber die – kurz zuvor bereits von Leuckfeld edierten – Primordia Hrotsviths, nach der Abschrift einer inzwischen verlorenen Handschrift. Diese Ab­schrift, heute in der GWLB, galt ebenfalls lang als verloren; wiederentdeckt wurde sie durch den einigen von Ihnen ja noch gut bekannten Günter Scheel, dem die Erfor­schung des Historikers Leibniz so viel verdankt. Neben einigen Urkunden edierte Leibniz aus dem Gandersheimer Kontext außerdem die Gandersheimer Reimchronik und Werke des im 16. Jh. wirkenden Heinrich Bodo über Gandersheim und Clus.

 

Heiratsurkunde von Theophanu und Otto II. von 972. Niedersächsisches Staatsarchiv 6 Urk. 11 (Quelle: Wikipedia)

                Ganz besonders ist ein weiteres Dokument hervorzuheben, das nicht in die Scriptores Eingang fand, aber zur Illustration der Annales Imperii vorgesehen war. die sogenannte Heiratsurkunde der Theophanu. Zum Hintergrund dieses prachtvollen Schriftstücks: Kaiser Otto I. wollte zur sichtbaren Anerkennung seines Kaisertums sein Haus mit dem byzantinischen Kaiserhaus verbinden; 972 wurde sein Sohn und Mitkaiser Otto II. in Rom mit der byzantinischen Kaisernichte Theophanu vermählt und sie zur Mitkaiserin gekrönt. Theophanu, die sich, insbesondere nach der Rück­kehr der kaiserlichen Familie nach Sachsen, in einen ganz anderen Kulturkreis ver­setzt fand, sollte nach dem frühen Tod Ottos II. sehr tatkräftig die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn Otto III. übernehmen, seine Herrschaft verteidigen und die Reichsherrschaft nach innen und außen sichern; sie gilt als eine der einfluss­reichsten Herrscherinnen des Mittelalters. Als sie 991 starb, war Otto III. noch nicht volljährig, aber als künftiger Herrscher unumstritten.

                Wahrscheinlich während Theophanus Romzug 989 gelangte ein Dokument nach Gandersheim (wohl in die Obhut ihrer Tochter Sophie, dort Kanonisse, später Äbtissin), das bereits optisch großen Eindruck macht: die sogenannte Heiratsurkunde, mit der Theophanu mit Einkünften und Rechten dotiert wird. Das Original, vermut­lich eine Prunkabschrift der eigentlichen Urkunde, befindet sich seit der Säkularisie­rung, wie viele andere Gandersheimer Archivalien, im Staatsarchiv Wolfenbüttel. Es gilt als eines der schönsten Werke der frühmittelalterlichen Diplomatik: ein Rotulus aus roteingefärbten Pergamentstücken (was den Eindruck von Purpur macht), in kalli­graphischer Majuskelschrift in Goldtinte, das Schriftfeld mit vielfacher Ornamentik hinterblendet und umrahmt. In der Stiftskirche ist ein Faksimile zu sehen.

                Die Urkunde wurde von Leuckfeld um 1700 entdeckt und in mehreren seiner Schriften erwähnt; als Leibniz sich 1707 in Gandersheim aufhielt, kam sie auch ihm vor Augen. Jahre später, 1716, in seinem letzten Sommer, muss er in Pyrmont mit König Georg I. von Großbritannien, seinem Herrn, darüber gesprochen – und ihm den Wunsch vorgetragen haben, einen Kupferstich dieses Prachtstücks seinen sich (wie es schien) der Vollendung nähernden Annales Imperii beizugeben. Auch der Kö­nig zeigte großes Interesse. So ging ein (wohl von Leibniz konzipiertes) Schreiben der königlichen Kanzlei an Äbtissin Ernestine Elisabeth mit der Bitte um kurzzeitige Entleihung. Sie war sofort einverstanden – nur war das Dokument zunächst nicht aufzufinden. Der befragte Leuckfeld glaubte sich zu erinnern, es vor etwa 10 Jahren zuletzt gesehen zu haben – doch müsse Leibniz es später noch in der Hand gehabt haben. Dann fand es sich doch – und wurde am 2. Oktober 1716 an Leibniz gesandt, mit einem Schreiben an den König. In einem gleichzeitigen Schreiben an Leibniz bat die Äbtissin um Empfangsbestätigung – und um eine Gegengabe: ein Portrait Georgs I. Leibniz nahm sich der Aufgabe zügig an, wohl am 4. Oktober sprach er beim Kö­nig vor und konnte sogleich nach Gandersheim vermelden, dass dem Wunsch stattge­geben werde. Man muss hier die genauen Daten nennen: denn bereits 6 Wochen spä­ter, am 14. November 1716, verstarb Leibniz, nach kurzem Krankenlager. Die Hei­ratsurkunde der Theophanu dürfte also eines der letzten Dinge gewesen sein, womit er amtlich beschäftigt war – und, das sollte nicht unerwähnt bleiben, in großem Ein­vernehmen mit seinem König. Das Verhältnis zwischen Leibniz und Georg Ludwig – wohl bei weitem nicht so schlecht, wie es die Mythenbildung will, aber in Leibniz' letzten Lebensjahren stark belastet – fand also einen versöhnlichen Abschluss, mani­festiert in der Transaktion der Urkunde von Gandersheim nach Hannover. Diese ver­blieb nach Leibniz' Tod erst einmal in seinem Haus in der Schmiedestraße, bis sich ein Vierteljahr später die Äbtissin meldete und um Rückgabe bat. Mit der Bestätigung wurde ihr erneut die Zusendung des Portraits in Aussicht gestellt. Jetzt befindet sich im Kaisersaal bei der Stiftskirche.

 

Das Stift Gandersheim unter den Äbtissinnen Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel und Ernestine Elisabeth von Sachsen-Meiningen

 

von Nora Gädeke

 

Nach der Salierzeit ist Gandersheims Blütezeit vorbei. Es kommen keine königlichen Schenkungen mehr, der einst reiche Besitz wird zunehmend veräußert. Obwohl es dem Stift gelingt, seine Reichsfreiheit zu behalten, kann es keine Territorialherrschaft aufbauen. Die Äbtissinnen kommen jetzt vor allem aus hochadligen Familien der weiteren Umgebung, insbesondere aus dem Haus Braunschweig-Lüneburg, d.h. der in Braunschweig bzw. Wolfenbüttel residierenden Linie.

                Sehr unruhig sind die Jahrzehnte unmittelbar vor und nach der Reformation. Zum einen gibt es 1504 (wie schon einmal zuvor) eine Doppelwahl der Äbtissin, die zugleich eine Spaltung des Konvents spiegelt. Auch nachdem die Kurie eine Ent­scheidung getroffen hat und es zu einem Vergleich zwischen den Rivalinnen kommrt, bleibt die Stimmung kontrovers. Das gibt dem braunschweig-lüneburgischen Herzog  eine willkommene Gelegenheit zur Einmischung. Seitdem hat Wolfenbüttel eigent­lich immer einen Fuß in der Tür des Stifts; die Reichsfreiheit ist ständig in Gefahr.

                Aber auch wenn der weitaus größte Teil der Äbtissinnen aus dem Hause Braun­schweig-Wolfenbüttel kommt, fällt das Stift nie rechtlich an das Fürstenhaus. In Kon­fessionsfragen wird dieses jedoch nun entscheiden, was sich deutlich zeigt, als nach dem Tode des katholischen Herzogs Heinrichs II. 1568 dessen Sohn Julius die Herr­schaft übernimmt - und die lutherische Reformation einführt. Zwar enteignet er das Stift und die Nebenklöster nicht, er plant aber deren Vermögen für seine Zwecke ein, das des Stifts insbesondere für das Pädagogium in Gandersheim, die Keimzelle der Universität Helmstedt. Die Äbtissin, katholisch geblieben, wird zur Seele des Wider­stands. Nach ihrem Tode 1577 wählen die Kanonissen in aller Heimlichkeit ihre Schwester, ebenfalls katholisch. Der Herzog versucht, statt dieser seine 10jährige Tochter einsetzen zu lassen, was ihm aber von mehreren Seiten mit rechtlichen Mit­teln verwehrt wird (und sich durch deren Eheschließung auch erledigt). Die nächste Äbtissin ist dann aber protestantisch.

                Das Gerangel zwischen Äbtissinnen und Fürstenhaus, die kriegerischen Wirren der Zeit (hinzu kommt später der Dreißigjährige Krieg) gehen auch äußerlich nicht spurlos an dem Stift und seinen Nebenklöstern vorbei. Mehrmals wird von Wolfen­büttel ein Verzeichnis rechtsrelevanter Dokumente angefordert, die vom Stift aber vorsorglich in Sicherheit gebracht werden. Die Folge dieser Auslagerungen ist eine völlige Unordnung der Archivbestände, die, trotz Initiativen mehrerer Äbtissinnen, nie ganz bereinigt werden kann. Welchen Schaden solche Auslagerungen anrichten konnten, spiegelt eine Beobachtung von Johann Georg Leuckfeld, der um 1700 mit den Archivalien befasst war; wiedergegeben in einem Brief an Leibniz von 1704: Es geht dabei um das Gandersheimer Nebenkloster Clus und um die Lagerung von des­sen Handschriften, als die Mönche das Kloster während eines Angriffs verlassen mussten: 

in diesem Closter haben herliche Mscripta gelegen, welche die Mönche bey der aus­flucht in schlagefäßer gepacket und zwischen zwey mauren verstecket und zugemau­ert haben, bey meinem darseyn war solches aufgerißen, da drin die fäßer mit den scripturen sich finden, bey anfassung derselben aber fiehlen sie als staub voneinan­der, indem sie an feuchten orthe gestanden, also das nichts von solchen gesehen oder geleßen werden konte“.

                Mit der Durchsetzung des Protestantismus 1589 kommt aber zunächst  Konso­lidierung. Die erste evangelische Äbtissin (37.), Anna Erica von Waldeck, ist sehr tat­kräftig; unter ihr beginnt das Stift sich zu erholen. Zwar steht am Beginn ein großes Unglück: bei einem verheerenden Stadtbrand werden die Abteigebäude weitgehend zerstört. Sie können aber - mit Hilfe Wolfenbüttels - bald wieder aufgebaut werden. Der Neubau ist heute noch vorhanden; ein schönes Beispiel der Weserrenaissance.

                Ihre Nachfolgerin war eine Tochter eines Wolfenbütteler Herzogs, deren Nach­folgerin eine Enkelin, fast alle anderen waren mindestens näher mit dem Herzogshaus verwandt - Wolfenbüttel war eigentlich immer präsent, bis hin zur Einmischung in die (eigentlich dem Kapitel zustehende) Wahl der Äbtissin. Angehörige anderer Häu­ser konnten nur gelegentlich das Abbatiat erhalten. Auch wenn es dem Stift gelingt, den von Wolfenbüttel geforderten Zugriff auf die Archivalien abzuwehren, muss es im 17. Jh. eine heimliche Benutzung gegeben haben; das spiegelt sich in der Verwen­dung von Gandersheimer Archivalien in einem Streit zwischen Braunschweig-Wolfenbüttel und dem Bistum Hildesheim - wobei allerdings beide stiftsfremde Sei­ten sich heimlich Zutritt verschafft haben müssen.

                Unter der Äbtissin, die ich jetzt genauer behandeln möchte, geht das Stift von sich aus in die Öffentlichkeit: wichtige Dokumente zur Stiftsgeschichte werden publi­ziert. Dabei konvergieren die Interessen Wolfenbüttels mit denen Gandersheims. Henriette  Christine (1693-1712), die 44. Äbtissin, war eine Tochter Herzog Anton Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel. Ihre Wahl erfolgte auf Druck ihres Onkels Herzog Rudolph August, mit einem Geschenk an das Stift: die beiden einst zugehöri­gen Klöster Clus und Brunshausen, die Wolfenbüttel 100 Jahre zuvor in Besitz ge­nommen hatte, wurden restituiert.

                Henriette Christine war als einzige der Töchter Anton Ulrichs unverheiratet; ein schwedischer Eheplan hatte sich zerschlagen. Bereits mit 12 Jahren hatte sie in Gandersheim eine Kanonissenstelle erhalten, mit 18 war sie eingeführt worden; erst mit 24, als Äbtissin, vertauschte sie aber den väterlichen Hof mit dem Stift. Ihre Herr­schaft brachte einen erneuten Aufschwung, mit einer Zunahme der Kanonissen (bei gleichzeitigen Selektionsbestimmungen wie Statutengeldern und Ahnentafeln) und vielen fürstlichen Besuchern - auch unverheiratet konnte man als Fürstäbtissin einen fürstlichen Hof führen.

                Unter ihr, die selbst hochgebildet war, blühte auch das geistige Leben, insbe­sondere die Geschichtsforschung; sie hatte Kontakt zu Leibniz und zu August Her­mann Francke. Sie setzte eine Barockisierung der Stiftskirche in Gang (die später wieder rückgängig gemacht wurde), auch in Folge des inzwischen großen Reparatur­bedarfs. Finanziert wurde das (auf Kapitelsbeschluss) durch Verkauf der wertvollsten mittelalterlichen Stiftspretiosen aus Gold und Silber (die hier rein nach Materialwert beurteilt wurden). In der Stiftskirche ist ein liturgisches Gewand zu sehen, aus dem sorgfältig alle Goldfäden herausgeschnitten worden sind.

                Henriette Christine galt als Lieblingstochter ihres Vaters (auf Portraits sieht sie ihm auch sehr ähnlich). Sie unterstützte seine imperiale Familienpolitik, für die die Darstellung der alten Größe und der Herrschernähe des Stifts gut als Hintergrund ge­eignet war.  Das Reichsstift wird zu einem Faktor von Anton Ulrichs Politik, die von Wolfenbüttel lang angegriffene Reichsstandschaft wird jetzt gezielt gefördert und ein­gesetzt. Auf Veranlassung Henriette Christines wird eine Schrift über die seit der Gründung bestehende  Reichsfreiheit aufgesetzt. Erneut wird die Verzeichnung der Archivalien in Angriff genommen. Und vor allem kommt es zur ersten quellenge­stützten (und mit Quellentexten versehenen) Darstellung der Geschichte des Stifts (sowie der Nebenklöster) durch den bereits zitierten Leuckfeld.  Henriette Christine teilte auch die Neigung ihres Vaters zum Katholizismus.  Als Anton Ulrichs Enkelin Elisabeth Christine als Braut des späteren Kaisers Karl VI. im Spiel war, wurde sie vor der großen Hürde des Konfessionswechsels erst einmal nach Gandersheim zu ih­rer Tante geschickt, deren Überzeugungsarbeit dann offenbar wirksam war.

                 Anton Ulrich selbst trat 1709 zum Katholizismus über. Henriette Christine soll das ebenso erwogen haben. Zur Umsetzung kam es erst nach einer fundamentalen Wende ihres Lebens: 1712 brachte sie einen Sohn zur Welt, was natürlich ein Skandal war. Und so bewog ihr Bruder sie, auf das Abbatiat zu verzichten. Alsbald reiste sie ab, konvertierte zum Katholizismus und trat in das niederländische Kloster Roermond ein, wo sie noch 40 Jahre lang als einfache Nonne lebte. Ihr hochbetagter Vater hat, wie aus einem Brief der Kurfürstin Sophie an Leibniz hervorgeht, sich noch in sei­nem letzten Lebensjahr auf die Reise dorthin gemacht, um sie zu besuchen ("gedrängt von der Liebe zu seiner Frau Tochter, von ihrer Unschuld ist er fest überzeugt").

                Ihre Nachfolgerin, die Henriette Christine einst hatte weichen müssen, stammte aus dem Hause Mecklenburg; ein Zwischenspiel von einem knappen Jahr. Die nächste Äbtissin (46.) kam 1713 wieder aus der Familie Anton Ulrichs: seine Enkelin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen. Vom Großvater war sie einst als Ehefrau des späteren Kaisers Joseph I. vorgesehen gewesen, was aber (zu Anton Ul­richs großem Ärger) an ihrer dezidierten Ablehnung eines Konfessionswechsels scheiterte. Nachdem eine Kandidatur um den Abbatiat im Stift Quedlinburg erfolglos geblieben war, bemühte Anton Ulrich sich, sie in Gandersheim unterzubringen, mit der Option auf den Abbatiat. Die plötzliche Resignation Henriette Christines brachte diese Pläne durcheinander. Als Ernestine Elisabeth 1713 dann doch Äbtissin wurde, war sie zuvor nicht Kanonisse gewesen, die Ernennung erfolgte auf außergewöhnli­chem Wege, "per postulationem". Anton Ulrich erkannte ausdrücklich an, dass dies "ihm bloß zu Gefallen geschehen" und versicherte das Kapitel seiner Gnade.

                Einmal im Amt, sollte Ernestine Elisabeth die bedeutendste Äbtissin des Stifts in der Neuzeit werden. Anders als viele Vorgängerinnen und auch die beiden Nachfol­gerinnen residierte sie hier ständig und brachte eine erneute Blütezeit, mit reicher Bautätigkeit (zum Teil aus ihrem Privatvermögen finanziert), vor allem des Kaiser­saals, der Stiftung neuer kirchlicher Geräte, vielen barmherzigen Werken, die ihr den Ruf einer "heiligen Elisabeth" einbrachten (repräsentiert im Elisabeth-Brunnen bei den Stiftsgebäuden), einer Zunahme insbesondere von Kanonissen aus Fürstenhäu­sern, verbunden mit Mehrung von Ansehen und Stiftsvermögen, dem Aufbau einer Bibliothek und einer umfangreichen Kunstsammlung. Auch sie ließ die Geschichte des Stifts erforschen. Mit ihren Hofdamen verfertigte sie kunstvolle Behänge für Kanzel und Altar, die wir in Brunshausen sehen werden. Die Gebäude dieses einsti­gen Klosters, inzwischen halbverfallen, ließ sie renovieren und zu ihrer Sommerresi­denz ausbauen, wo sie auch einen Teil  ihrer Gemäldesammlung, ihre Privatbiblio­thek und ihr Naturalienkabinett unterbrachte. Hochbetagt gelang es ihr, während des Siebenjährigen Krieges die Folgen der französischen Besetzung der Stadt Ganders­heim durch Einsatz ihrer Beziehungen und durch Zuschüsse abzufedern. Als sie 1766 nach über 50jährigem Abbatiat starb, sollte sie die letzte Äbtissin sein, die in Gan­dersheim beigesetzt wurde; ihr Grabmal befindet sich in der Stiftskirche.

                Die folgenden beiden letzten Äbtissinnen, ebenfalls aus dem Hause Braunschweig-Wolfenbüttel, waren weniger aktiv. 1810, nach dem Tod der 48. Äbtissin Auguste Dorothea, wurde das Stift, damals dem Königreich Westfalen Jerome Bonapartes zugehörig, aufgehoben. 

 

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