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    Donnerstag, den 29. März 2012
    Prof. Dr. Dr. h. c. Heinz Duchhardt (Mainz)
    Das Modell des römisch-deutschen Reiches
    (im Rahmen der internationalen Tagung Umwelt und Weltgestaltung. Leibniz’ politisches Denken in seiner Zeit)

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag fragt nach Leibniz’ Reichsverständnis, das maßgeblich in seinen Mainzer Jahren geprägt wurde, und beleuchtet die emotionale Bindung an das Reich, die ihn sein Leben lang begleitete. Leibniz sah im Reich eine Art Modell einer Gemeinschaft gleichberechtigter und gleichgeordneter Staaten, und in dieser Sicht sollten ihm viele seiner intellektuellen Zeitgenossen folgen, die sich mit Europa und seinen Strukturen beschäftigten.

    H. D.

    Donnerstag, den 22. März 2012
    Prof. Dr. Manfred Sommer (Kiel)
    Bildbetrachtung und Mauerschau.
    Von Sichtbarem an der Wand zu Hörbarem auf der Bühne

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag hat drei Teile. Der erste zeigt einiges von dem, was in Bild und Schrift an Wänden erscheint, und wie wir, indem wir dies wahrnehmen, auf uns selbst aufmerksam gemacht werden. Der zweite Teil handelt dann vom Durchblick durch Wände: vom Fenster; es formt und beengt zugleich unsere Art, die Wirklichkeit zu sehen und bildhaft darzustellen. Im dritten Teil betrachten wir sodann, in welchem Maße sich diese ‚rechteckige‘ Sichtweise auch literarisch durchhält: Die Teichoskopie (Mauerschau) im Theater lässt einen Beobachter von einer Mauer herab das berichten, was, weil es sich jenseits der Mauer abspielt, uns Zuschauern selbst nicht sichtbar ist. Gerade als solche Hörer aber werden wir zur Selbstbesinnung angeleitet.

    M. S.

    Freitag, den 17. Februar 2012
    Prof. Dr. Joachim Perels (Hannover)
    Niedersachsen und die Aufarbeitung der NS-Herrschaft
    – am Beispiel der Gedenkstätte Bergen-Belsen

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag widmet sich der Frage, ob die Gedenkstätte die Totalität des jeweiligen Verhältnisses von Täter und Opfer in der konkreten Herrschaftsgestalt des Nationalsozialismus zureichend behandelt. Es hat in der Nachkriegsgeschichte Bergen-Belsens immer wieder den Versuch gegeben, die Rolle der nationalsozialistischen Gewaltverbrecher, die insbesondere Gegenstand des Prozesses von 1945 war, zum Verschwinden zu bringen: Allein der Opfer wurde gedacht, die Frage nach der Verantwortung der Täter blieb ungestellt. Später, in der neuen Dauerausstellung dann kulminierend, wurde allerdings die Täterrolle der SS thematisiert, neuerdings gibt es jedoch in der Geschäftsführung der Gedenkstätte wiederum Tendenzen, die nationalsozialistischen Täter durch die Begrenzung des Blicks auf deren Opfer nicht zureichend wahrzunehmen.

    J. P.

    Freitag, den 25. November 2011
    Prof. Rolf Wernstedt (Hannover)
    Das Interesse an China bei Leibniz und in der heutigen westlichen Welt

    Zum Vortrag:

    Leibniz kannte China besser als viele seiner Zeitgenossen. Er hat auch erstmals versucht, die chinesische und die europäische Kultur zu vergleichen und zu bewerten. Sein Interesse an China war ein kulturelles, das zum Wohle der gesamten Menschheit genutzt werden sollte.

    Das heutige westliche Interesse an China ist fast ausschließlich ökonomisch und politisch begründet. Dabei gerät der fundamentale Widerspruch völlig aus dem Blick, dass ein Regime, das sich kommunistisch nennt und sein theoretisches Selbstverständnis mit der westlichen Theorie des Marxismus begründet, gleichzeitig einen effektiven Kapitalismus organisiert und in der Finanzkrise die hochkapitalistischen USA und Westeuropa stützen kann und will.

    R. W.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 20. Oktober 2011
    Prof. Dr. Joachim Ringleben (Göttingen)
    Leibniz und Hegel

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag ist nicht historisch angelegt, sondern er wird in einem 1. Teil Hegels Kritik an Leibniz darstellen, und dies vor allem im Blick auf die Monadologie. In einem 2. Teil soll ‒ sachlich durchaus an den 1. Teil anknüpfend ‒ ein logisches Konzept vorgestellt werden, in Bezug auf das beide Denker sich vergleichen lassen und das Josef König als spekulative Grundform des Systems von Leibniz identifiziert hat: das Theorem einer übergreifenden Allgemeinheit. Zum Schluss wird von da aus Hegels dialektischer Begriff des „Begriffs“ skizziert.

    J. R.

    Mittwoch, den 20. Juli 2011
    Dr. Annette Vogt (Berlin)
    Leibniz und die Berliner und Petersburger Akademien der Wissenschaften
    (Vortragsreihe Leibniz und Russland)

    Zum Vortrag:

    Gottfried Wilhelm Leibniz hatte im Laufe seines Lebens mehrere Akademie-Projekte in verschiedenen Ländern vorgeschlagen. Am bekanntesten wurden seine Vorschläge zur Gründung der Berliner Akademie, als Kurfürstlich Brandenburgische Societät der Wissenschaften 1700 gegründet und mit G. W. Leibniz als erstem Präsidenten, und zur Gründung der Russischen Akademie der Wissenschaften (1724/1725).

    Der Vortrag gibt erstens einen Überblick über die Beziehungen zwischen beiden Akademien im 18. und 19. Jahrhundert, und der Vortrag behandelt zweitens Fragen zum Bild von Russland, das Leibniz gehabt hat. Obwohl Leibniz nie in Russland weilte, war er an diesem Land höchst interessiert gewesen. Eine Sammlung der Schriftstücke, die Auskunft über Leibniz und sein Russlandbild gaben, veröffentlichte die Philosophin, Philosophiehistorikerin und Religions-Philosophin Liselotte Richter (1906-1968). Sie hatte von 1936 bis 1943 in der Leibniz-Edition der Preußischen AdW gearbeitet und hielt am 1. Juli 1946 die offizielle Festrede bei einer Leibniz-Feier in Berlin. Das Buch Leibniz und Russland erschien 1946 zum Leibniz-Jubiläum, und mit diesem Band hat Liselotte Richter eine bis heute für die Leibnizforschung wertvolle Arbeit publiziert.

    A. V.

    Freitag, den 8. Juli 2011
    Prof. Dr. Dittmar Dahlmann (Bonn)
    Die Reformen Peters I. und die Entwicklung der Wissenschaften im Russischen Reich
    (Vortragsreihe Leibniz und Russland)

    Zum Vortrag:

    Auf Anregung und nach Plänen von Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff gründete Zar Peter I., seit 1721 Kaiser, 1724 die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, eröffnet 1725, für die, da einheimische Wissenschaftler fehlten, Ausländer angeworben wurden. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Gründungsphase der St. Petersburger Akademie und die ersten großen wissenschaftlichen Unternehmungen, die beiden Expeditionen nach Sibirien und in den nordostpazifischen Raum unter Leitung des dänischen Kapitäns Vitus Bering, die allerdings erst nach Peters I. Tod in den Jahren 1725 bis 1730 und 1733 bis 1743 durchgeführt wurden, und ordnet sie in die Entwicklung der Wissenschaften im Laufe des 18. Jahrhunderts ein.

    D. D.

    Freitag, den 24. Juni 2011
    Prof. Dr. Wenchao Li (Hannover)
    „Seiner Majestät Lande verbinden Europa und China“. Leibniz als politischer Berater Russlands
    (Vortragsreihe Leibniz und Russland)

    Zum Vortrag:

    „Wäre ich noch jung, würde ich nach Moskau und vielleicht bis nach China reisen, um mit Hilfe meiner binären Zahlenlehre Wissensaustausch zu etablieren“. In der Tat dachte kaum einer der bedeutenden Gelehrten des Abendlandes so europäisch und global wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). In der Begegnung mit China erblickte er nie dagewesene Chancen für einen Kulturaustausch zu beiderseitigem Nutzen, mit Peter dem Großen stand er in direktem Briefwechsel. So wurde Leibniz nicht müde, Ost und West zur Zusammenarbeit anzuhalten und Denkschriften für Russlands Reformen zu entwerfen. Zeigt sich hier bereits eine frühe Relativierung Europas, die Idee einer west-östlichen Synthese oder doch das Konzept einer Europäisierung Russlands nicht durch Hegemonie, sondern durch Wissenschaft?

    W. L.

    Donnerstag, den 26. Mai 2011
    Dr. Klaus-Dieter Herbst (Jena/Regensburg)
    Kalender für den gemeinen Mann und Frühaufklärung. Vernunft und Erfahrung versus Astrologie

    Zum Vortrag:

    Das Stadtarchiv Altenburg beherbergt die weltweit größte Kalendersammlung: Rund 3700 Jahrgangsexemplare von 1644 bis 1861 bieten einen neuen Blick auf das Massenmedium Schreibkalender. Hier finden sich viele als nicht überliefert geglaubte, wie z. B. der „Europäische Wundergeschichten Calender“ für 1670 (von Grimmelshausen?), sowie zahlreiche bisher unbekannte Kalenderreihen, wie die von Georg Albrecht Hamberger.

    Hamberger, Mathematikprofessor an der Universität Jena, wird in der Literatur noch nicht als Kalendermacher geführt. Ein „Verbesserter und von allem Aberglauben gereinigter Calender“ weist ihn aber zweifelsfrei als den Verfasser aus. Diese Kalenderreihe setzte mit dem Jahr 1701 ein, was zweifelsfrei aus den beiden am 29. Juli 1700 in Weimar durch Herzog Wilhelm Ernst und am 10. April 1700 in Eisenach durch Herzog Johann Wilhelm gegebenen und im Kalender abgedruckten Privilegien sowie aus der dreiseitigen Vorrede von Hamberger folgt.

    Überliefert ist aus Hambergers Kalenderreihe neben dem Exemplar für 1701 nur noch eines für 1704. In ihm wird erst in der Textspalte auf den Recto-Seiten des Kalendariums „Von der Schwehre der Lufft und daher entstehender Witterung“ in naturwissenschaftlicher Manier gehandelt. Dann werden im Anhang des Kalenders auf sechs Seiten in dem „Entwurff der Witterung durchs 1702te Jahr“ meteorologische Messdaten für ein ganzes Jahr in Tabellenform mitgeteilt. Über das Motiv dafür äußert sich Hamberger ausführlich: Es ist der Kampf gegen die astrologisch gegründete Wetterprognostik in den Kalendern. Damit erhält Hamberger auch Bedeutung für die frühe Aufklärung.

    Hambergers Messreihe lief über mindestens ein Jahrzehnt und war seinen Zeitgenossen, zum Beispiel Christian Wolff, bekannt. Die Forschung zur Geschichte der Meteorologie hat Hambergers Aktivitäten bisher nicht wahrgenommen.

    Dieses Beispiel und weitere aus den Kalendern von Gottfried Kirch und Johann Christoph Sturm werden im Vortrag in den Kontext der Frühaufklärung gestellt.

    K.-D. H.

    Donnerstag, den 5. Mai 2011
    Dr. Jürgen Lawrenz (Sydney)
    Was heißt und zu welchem Zweck studiert man Leibnizens Doppelaspekt-Theorie?

    Zum Vortrag:

    Leibniz schrieb an Rémond, seine ganze Metaphysik sei aus der Dynamik herzuleiten. Man darf das zum Anstoß nehmen, sein Denken als auf zwei gleichzeitigen Ebenen sich entwickelnd zu betrachten: Metaphysik und Dynamik befruchten einander und spiegeln den Kosmos in solcher Doppelansicht wider. Das beinhaltet aber eine wirkende physische Welt sowie einen metaphysischen Urgrund der Natur ‒ dergestalt, dass das Labyrinth der Kontinuität die Möglichkeit der Existenz behandelt, während die wirkende Welt vom Satz des Grundes regiert wird, indes nur beide gemeinsam ein zusammenhängendes Bild ergeben. Dieser Doppelaspekt seines Denkens ist vernachlässigt worden: Leibniz gilt vielfach als ein Denker, der die Wirklichkeit ausschließlich in den metaphysischen Aspekt einklammert. Der Vortrag sucht diesen Doppelaspekt so allgemeinverständlich wie möglich darzustellen und zu zeigen, dass Leibnizens Philosophie den Idealismus und Realismus als Einheit denkt.

    J. L.

    Donnerstag, den 7. April 2011
    Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (Dresden)
    Vom Unglauben über das Denken zum Glauben? Bemerkungen zur Philosophie von Edith Stein (1891-1942)

    Zum Vortrag:

    Die Meisterschülerin Husserls, Edith Stein, wird in ihrer Bedeutung für die Phänomenologie zunehmend entdeckt. Vor allem sind ihre Untersuchungen zur „Einfühlung“ und zur Leiblichkeit von bahnbrechender Natur, auch für Husserl selbst. Aber die Agnostikerin gerät ebenso an das „Phänomen Gott“, dem sie sich zunächst theoretisch, dann aber aufgrund verschiedener Erfahrungen auch konkret öffnet. Zu beleuchten sind einige Stationen dieser Entwicklung, soweit sie sich aus der eher spröden Selbstmitteilung Edith Steins erschließen lassen. Diese Entwicklung führt sie bekanntlich in den Karmel (1933) und schließlich in das Martyrium (1942). Auch diese unvorhersehbare Lebenslinie wird aber gedanklich mitvollzogen und kann aus Texten freigelegt werden.

    H.-B. G.-F.

    Dienstag, den 8. März 2011
    Prof. Dr. Ernst Gottfried Mahrenholz (Karlsruhe/Hannover)
    Verfassung und Vertrauen. Versuch über Nähe zum Staat

    Zum Vortrag:

    Haben wir Vertrauen zu unserer Verfassung? Braucht eine Verfassung überhaupt Vertrauen? Das ist die eine Frage. Die andere richtet sich auf die Elemente möglichen Vertrauensentzuges oder möglichen Zugewinns an Vertrauen. Hier kommen in Betracht etwa Öffentlichkeit, Parteiendemokratie, direkte Demokratie als unmittelbare Ausübung von Staatsgewalt durch das Volk, Verfassungsgerichtsbarkeit. Diese Elemente haben unterschiedliche Facetten.

    E. G. M.

    Donnerstag, den 3. März 2011
    Dr. Manfred Bodin (Hannover)
    Die Finanzkrise ‒ Entstehung und Ausweg

    Zum Vortrag:

    Die Ausführungen knüpfen an den am 18. Februar 2010 veranstalteten Vortrag Herrn Professor Wernstedts zum Thema Glanz und Elend der Politik in der Finanzkrise an.

    Freitag, den 19. November 2010
    Prof. Dr. Michel Fichant (Paris)
    Glaube und Vernunft: Zur Aktualität der Argumente von Leibniz anläßlich des 300-jährigen Erscheinens der „Theodizee“

    Zum Vortrag:

    In seiner Ansprache am 12. September 2006 in der Universität Regensburg erörterte Papst Benedikt XVI. eine starke These: „Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider“, in der Entwicklung seiner Argumentation wandte er sich aus philosophischer Perspektive gegen alle „Positionen ..., die ... auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist“.

    Dies könnte man als Echo der Kritik bezeichnen, die Leibniz gegen jegliche voluntaristische Doktrin von der willkürlichen Allmacht eines Gottes formuliert, dem sich die Vernunft entzieht.

    Im Jahr 2010 befassen wir uns daher abermals mit Leibniz’ Einleitender Abhandlung über die Übereinstimmung des Glaubens mit der Vernunft, die sich am Anfang der 300 Jahre alten Theodizee befindet ‒ sie ist noch heute aktuell.

    Der Vortrag behandelt im Kern, was Leibniz unter Übereinstimmung zwischen Glaube und Vernunft versteht und betont die Bedeutung einer Diskussionsmethode, die auf der exakten Unterscheidung von vier Operationen beruht: Erklären ‒ Begreifen ‒ Beweisen ‒ Behaupten. Es wird gezeigt, wie für Leibniz jeder Glaube, auch der Glaube, der aus der Offenbarung stammt, seine Rechtfertigung nur durch Vernunft erhalten kann, die als einzig denkbares Schiedsgericht einen gemeinsam und friedlich gestalteten Diskurs erst ermöglicht.

    M. F.

    Freitag, den 11. Juni 2010
    Prof. Dr. Wenchao Li (Potsdam)
    Theodizee und Praxis
    (Vortragsveranstaltung zum 300-jährigen Erscheinen der Theodizee)

    Zum Vortrag:

    Ausgehend vom europäischen zeitgenössischen Kontext des Theodizee-Problems stellt der Vortrag die Signifikanz der Leibnizschen Lösungsansätze vor. Der dabei vollzogenen Entlastung Gottes, so obsolet und fragwürdig manche Prämissen auch sein mochten, steht eine Herausforderung an die menschliche Freiheit gegenüber, selbst Verantwortung und Konsequenz für das Handeln übernehmen zu müssen; in der Tat ist (im europäischen Kontext) der Mensch auch just seitdem an die Stelle Gottes als Souverän der allgemeinen und seiner eigenen Geschichte getreten und verfügt über eine so nie dagewesene Macht über sich selbst wie über seine Umwelt einschließlich Natur und Mitmenschen. Die Theodizee von Leibniz legt die Schöpfung in die Hände des Geschöpfs und verpflichtet zum verantwortungsvollen und verantwortungsbewussten Handeln. Hierin begründet liegen die Aktualität und der Universalanspruch des Leibnizschen Versuchs von der Güte Gottes, Freiheit des Menschen und vom Ursprung des Bösen vor 300 Jahren.

    W. L.

    Freitag, den 4. Juni 2010
    Prof. Dr. Hans Poser (Berlin)
    Von der Theodizee zur Technodizee. Ein altes Problem in neuer Gestalt
    (Vortragsveranstaltung zum 300-jährigen Erscheinen der Theodizee)

    Zum Vortrag:

    In einer Ökologie-Diskussion wurde jüngst ein Beispiel herangezogen, das ganz dem Theodizee-Problem entspricht: Tiger sind dem Menschen gefährlich; warum sollen wir sie dann schützen und nicht ausrotten? Weil die Vielfalt der Natur ein Wert ist, lautet meist die Antwort, und sie provoziert die Frage, warum Vielfalt etwas Wertvolles sei. Im 17. Jahrhundert hätte die Frage gelautet: Warum hat ein allmächtiger und gütiger Gott die so gefährlichen Tiere geschaffen? Leibniz verallgemeinert dies zum Theodizee-Problem als Frage nach dem Übel in der Welt und gibt eine höchst komplexe Antwort: Das Übel, so der Kerngedanke, ist um einer Maximierung der Harmonie der Vielfalt in der Ordnung willen in der besten der möglichen Welten unvermeidlich und darum zuzulassen – letztlich, um menschliche Freiheit und Verantwortung zu ermöglichen. – Der Mensch als Mängelwesen mit Vernunft bedarf zum Leben und Überleben der Technik; das Auto als Fortbewegungsmittel erweist sich dabei als viel gefährlicher als alle Tiger: Damit ergibt sich als eine verwandelte Form der Theodizee das Technodizee-Problem, in dem nicht Gott, sondern der Mensch für seine Schöpfungen angeklagt wird. Haben wir dafür eine Lösung?

    H. P.

    Donnerstag, den 20. Mai 2010
    Prof. Dr. Irene Dingel (Mainz)
    Leibniz als Gegengift. Die Rezeption von Pierre Bayles „Dictionnaire historique et critique“ im deutschsprachigen Raum

    Zum Vortrag:

    Als Johann Christoph Gottsched im Jahre 1741 den ersten Band der deutschen Übersetzung von Pierre Bayles Dictionnaire Historique et Critique herausbrachte, konnte er in seinem Vorwort nicht genug lobende Worte für die umfassende Bildung und das Werk des schon 1706 verstorbenen französischen Frühaufklärers finden. Aber er verhehlte auch nicht, dass das Wörterbuch religionskritische Reflexionen enthielt, vor deren Gift man das Publikum warnen müsse. Bayles kritische Anfragen wurden entschärft, indem Gottsched nicht nur eigene kommentierende Anmerkungen in die Übersetzung einflocht, sondern vor allem Leibniz heranzog, dessen Schriften er als „Gegengift“ empfahl.

    I. D.

    Donnerstag, den 6. Mai 2010
    Prof. Dr. Michael-Thomas Liske (Passau)
    Nach Verwirklichung strebende Aktivkräfte versus schlummernde Potenzen: Kann Leibniz’ Vermögensbegriff die Konzeption eines Potentials erhellen?

    Zum Vortrag:

    Wodurch lässt sich das Zuschreiben eines Potentials rechtfertigen, in einer Entwicklung eine neue Bestimmung zu erwerben, durch das in der bioethischen Debatte etwa die Menschenwürde ungeborenen Lebens begründet wird? Leibniz’ Begriff der Kraft verspricht darauf eine bedenkenswerte Antwort, wenn er in seiner metaphysischen Anwendung die scholastische Konzeption eines bloßen Vermögens revidieren soll, das zwar so weit entwickelt ist, dass es sofort eine einschlägige Betätigung erlaubt, aber von außen durch eine geeignete Situation aktiviert werden muss. Die Kraft ist demgegenüber ein um ein Streben erweitertes Vermögen, das dank dieser ihm innewohnenden Tendenz von sich aus Neues beginnen kann. Setzt der Begriff eines Potentials voraus, dass der neue Zustand durch den gegenwärtigen bereits zwingend determiniert ist oder wird das Potential dadurch gerade trivialisiert, wenn die Entwicklung unverhinderbar ist? Zudem: Kann Leibniz bei der eigentlichen Substanz, dem Subjekt der ursprünglichen Kraft, überhaupt eine echte Entwicklung annehmen, wo sie doch in zeitloser Weise durch den vollständigen Begriff gegeben ist?

    M.-T. L.

    Donnerstag, den 15. April 2010
    PD Dr. Christian Schulze (Bochum)
    Leibniz’ Vorschläge zur Verbesserung des Gesundheitswesens ‒ Medizingeschichte als Hintergrundszenario

    Zum Vortrag:

    Leibniz, selbst kein ausgebildeter Arzt, hat sich auf vielfältige Weise mit der Medizin beschäftigt und glaubte, große Mängel im Gesundheitswesen seiner Zeit erkennen zu können. Der Vortrag möchte einige Vorschläge sichten, die Leibniz zur Behebung dieser Defizite vorgetragen hat. Ein zweiter Schritt fasst die Vorschläge zu vier Großgruppen zusammen; schließlich sei gefragt, aus welchem Movens heraus Leibniz seine Empfehlungen erarbeitet und propagiert hat. Gerade hier scheint es möglich, neues Licht auf die Hintergründe seiner medizinischen Beschäftigung zu werfen: Leibniz’ vielfältige Beschäftigung mit der Geschichte der Medizin könnte eine größere Rolle gespielt haben als bislang angenommen.

    C. S.

    Freitag, den 9. April 2010
    Prof. Dr. Oskar Negt (Hannover)
    Der Mensch als Prothesengott
    (Vortrag im Rahmen des 2. Festivals der Philosophie in Hannover)

    Zum Vortrag:

    Der moderne Mensch hat vielfältige Anstrengungen unternommen, die ihn umgebende Objektwelt immer reichhaltiger auszustatten, um sein Können und seine kreativen Kräfte zu dokumentieren. Man kann von fortwährenden Prozessen der Organverlängerungen, Organergänzungen, Organverstärkungen sprechen. Was im Wesentlichen unbearbeitet bleibt, ist das Subjekt, sein Empfindungsvermögen, seine Sinne und seine Urteilskraft. Die ganze Apparatewelt hängt deshalb am eher archaisch gebliebenen Subjekt wie ein Klempnerladen, der nicht richtig befestigt ist. Freud nennt dieses moderne Ungetüm Prothesengott.

    O. N.

    Donnerstag, den 18. Februar 2010
    Prof. Rolf Wernstedt (Hannover)
    Glanz und Elend der Politik in der Finanzkrise

    Zum Vortrag:

    Seit dem Herbst 2008 sind wir Zeuge der dramatischsten Finanzkrise seit 1929/30. In einer beispiellosen Rettungsaktion haben die betroffenen Staaten einen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems, der unabsehbare Folgen für die Wirtschaft und die Staaten selbst gehabt hätte, verhindert.

    Dies war eine Demonstration der Stärke der Politik gegenüber unkontrollierten Banken. Die Politik war gezwungen, mit Summen zu operieren, die ihr bis dahin unbekannt waren. Allerdings sind die Folgen bis heute nicht vollständig übersehbar.

    Es schien, als ob die Lehre aus diesem Desaster, dass sich derartige Spekulationen nicht wiederholen dürfen und die Politik für die notwendigen Regulierungen sorgen müsse und wolle, international einhellig sei. Es ist jedoch bis heute nicht gelungen, international wirksame Regelungen zu formulieren und durchzusetzen. Damit werden die Legitimationsgrundlagen der Politik selbst in Frage gestellt. Eine solche Situation ist ökonomisch und politisch gefährlich.

    Im Vortrag sollen die politischen Möglichkeiten und die Versäumnisse zur Beherrschung der Finanzkrise und ihrer politisch-ökonomischen Wirkungen diskutiert werden, sofern sie bis heute sichtbar sind.

    R. W.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 10. Dezember 2009
    Prof. Dr. Brigitte Lohff (Hannover)
    „Daß ein Gut nicht immer dauern wird, ist kein Grund, es zu vernachlässigen ...“. Leibniz’ Ideen zu Gesundheit und Krankheit

    Zum Vortrag:

    In meinen Überlegungen werde ich der Frage nachgehen, welcher inhärente Bewegungsgrund Leibniz dazu veranlasst hat, sich mit dem Phänomen der Gesundheit sowohl unter politischen als auch unter moralphilosophischen Aspekten auseinanderzusetzen.

    Leibniz sagt in den Nouveaux essais, dass, auch wenn ein Gut ‒ wie die Ruhe der Seele, die Gesundheit, das Leben ‒ nicht immer währt, „es keinen Grund gibt, es zu vernachlässigen“. In der Formulierung „es nicht zu vernachlässigen“ scheint mir ein Schlüssel zu liegen, dass für Leibniz sein Konzept Theoria cum praxi sich in diesem Kontext geradezu exemplarisch veranschaulichen lässt. Auf der einen Seite lassen sich mit dem Hinweis „es keinen Grund gibt, es zu vernachlässigen“ Überlegungen anstellen, welche schädlichen Einflüsse auf die Gesundheit dem willentlichen Fehlverhalten des Menschen zuzuschreiben und welche aus der fehlgeleiteten Vernunft abzuleiten sind. Auf der anderen Seite lässt sich anhand dieses Bereiches thematisieren, welche individuell einzubringenden „Vorsorgen“ der Gesundheit zuträglich sind.

    B. L.

    Freitag, den 13. November 2009
    Prof. Dr. Klaus Erich Kaehler (Köln)
    Die Natur und das Subjekt

    Zum Vortrag:

    Die heute allenthalben geforderte Naturalisierung des Subjekts (oder: des Geistes) erscheint in einem anderen Licht, wenn das Denken sich von dem leiten und erfüllen lässt, was ‚Natur‛ und ‚Subjekt‛ für die Philosophie bereits gewesen sind. Dazu bedarf es allerdings der vorbehaltlosen Einlassung auf die Prinzipstellung, die der Natur einerseits und dem Subjekt andererseits in den Epochen der Ersten Philosophie zukommt: Während die anfängliche Epoche an der Natur als Physis die Bestimmung ihrer Sache findet, wandelt sich in der mittleren Epoche die Natur zu einem Abhängigen nämlich der Schöpfung. Die Reflexion dieses Verhältnisses in der natürlichen Vernunft aber generiert das Subjekt als Prinzip der neuzeitlichen Philosophie, das seine immanente Vollendung erreicht in der Systematik des absoluten Subjekts. Aus dieser Herrschaft des Subjekts erhebt sich die Natur am Subjekt selber, denn durch die Selbstreflexion in seiner Vollendungsgestalt wird es in eine unaufhebbare Dezentrierung getrieben, ohne als Ort der Wahrheit zu verschwinden. Unter diesem nach-metaphysischen Prinzip ist das Verhältnis des Subjekts zur Natur in der Tat neu zu bestimmen.

    K. E. K.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Freitag, den 30. Oktober 2009
    Prof. Dr. Daniel J. Cook (New York)
    Leibniz und der Orient

    Zum Vortrag:

    Vieles wurde zu Leibniz und China, wenig nur zu Leibniz’ Beschäftigung mit dem anderen Orient geschrieben ‒ dem Nahen Osten: Mein Vortrag wird Leibniz’ Einstellung zum Islam und dessen Anhängern behandeln. Abgesehen von der Bedrohung Mitteleuropas durch die Türken, die in seinen mittleren Jahren nachließ, betrachtete Leibniz den Islam vorwiegend als theologisches System. Er kommentierte die ihm verfügbaren islamisch/arabischen Quellen und zeigte wachsendes Interesse, so dass die Umrisse eines kohärenten Bildes seiner Haltung zum nicht-chinesischen anderen Orient sich abzuzeichnen beginnen. Indem wir Leibniz’ Auffassung vom islamisch/arabischen Orient untersuchen, schärfen wir nicht nur zugleich unser Verständnis seines lebenslangen Bemühens um den Dialog zwischen Christentum und anderen Religionen, sondern beleuchten außerdem die Rolle der Theologie des Islam im religiösen Denken des damaligen Europa. Leibniz’ Haltung zum Islam ist zudem kennzeichnend für die Haltung vieler Gelehrter in der europäischen Frühaufklärung.

    D. J. C.

    Donnerstag, den 8. Oktober 2009
    Dr. Andreas Blank (Paderborn)
    Leibniz und Gerechtigkeitstheorien in der Protestantischen Ethik

    Zum Vortrag:

    In seinen frühen Notizen zum Naturrecht versucht Leibniz, Platonische und Aristotelische Auffassungen zu verbinden. Auf der einen Seite akzeptiert er die Platonische Auffassung, dass es ewige und notwendige Wahrheiten in Bezug auf Gerechtigkeit gibt; in diesem Sinn denkt er, dass Wahrheiten in Bezug auf Gerechtigkeit auf einer Ebene mit arithmetischen und geometrischen Wahrheiten stehen. Auf der anderen Seite akzeptiert er die Aristotelische Auffassung, dass Tugenden in einem mittleren Maß zwischen Extremen bestehen und wendet diese Auffassung auf den Begriff der Gerechtigkeit an. Leibniz’ Strategie ist keinesfalls ein Einzelfall in der Philosophie der Frühen Neuzeit, sondern entspricht einer Strategie, die in der Protestantischen Ethik vor dem Dreißigjährigen Krieg einflussreich war. Insbesondere zeigt die Gerechtigkeitstheorie des reformierten Philosophen Bartholomäus Keckermann (1571-1608) interessante Parallelen mit Leibniz’ früher Gerechtigkeitstheorie. Die Verbindung von Platonischen und Aristotelischen Elementen in der Protestantischen Ethik ist aufschlussreich, um das Wesen des frühneuzeitlichen Eklektizismus zu verstehen. Eklektizismus in der Protestantischen Tradition wählt nicht nur einzelne Elemente aus unterschiedlichen philosophischen Traditionen aus, sondern reinterpretiert diese Elemente, so dass scheinbare Widersprüche zwischen den Elementen aufgelöst werden. Vor allem aber ist Eklektizismus ein Mittel, um philosophische Probleme zu lösen: Elemente aus einer bestimmten philosophischen Tradition können dazu dienen, diagnostizierte Argumentationslücken in einer anderen philosophischen Tradition zu schließen.

    A. B.

    Freitag, den 28. August 2009
    Prof. Dr. Kiyoshi Sakai (Tokio)
    Sozialpolitische Leitbilder - Leibniz’ Grundsätze einer gerechten Sozialpolitik
    (Vortragsreihe Leibniz’ politische Überlegungen ‒ drei Vorträge im Vorfeld der Bundestagswahl)

    Zum Vortrag:

    Woher kommen die wachsende Kluft und damit eine gewisse Ausweglosigkeit in der heutigen Gesellschaft? Wenigstens eine Ursache lässt sich in der seit den 1980er Jahren immer stärker globalisierten Marktwirtschaft und damit verbundenen Veränderungen des bisher relativ stabil gebliebenen Gesellschaftssystems finden. Dieser freien Wirtschaft liegt aber eine Genealogie des „Liberalismus“ zu Grunde, als dessen wichtigster Vertreter John Locke gilt, der im 17. Jahrhundert in England und Amerika die Unbeschränktheit der einzelnen Wirtschaftsaktivität unterstrichen hat. Im Gegensatz dazu steht die für uns hochinteressante politische Philosophie von Leibniz, der Locke kritisiert, um „Freiheit“ unter die Vernunft zu bringen und „Gerechtigkeit“ ausdrücklich als „sozial“ zu kennzeichnen. Leibniz’ Begriff von „Gerechtigkeit“ reicht über eine bloß quantitative Ungleichheit zudem hinaus; er bezieht vielmehr die „Individualität“ des einzigartigen Individuums und die „Mannigfaltigkeit“ in der aus solchen Individuen bestehenden Welt in den Kontext seiner monadologischen Metaphysik ein.

    K. S.

    Freitag, den 21. August 2009
    Dr. Luca Basso (Padua)
    Regeln einer effektiven Außenpolitik – Leibniz’ Bemühen um eine Balance widerstreitender Machtinteressen in Europa
    (Vortragsreihe Leibniz’ politische Überlegungen ‒ drei Vorträge im Vorfeld der Bundestagswahl)

    Zum Vortrag:

    Im Vortrag wird es darum gehen, Leibniz’ Auffassung vom Völkerrecht zu analysieren, um deren Distanz zu einerseits Hobbes und andererseits der späteren Position Kants zu betonen. Es wird aufgezeigt, welche Verbindung zu den Grundlagen des Leibnizschen Naturrechts besteht und insbesondere erklärt, inwiefern die Metapher der Balance zum Verständnis der Struktur des Deutschen Reiches und der Lage in Europa von entscheidender Bedeutung ist.

    L. B.

    Freitag, den 14. August 2009
    Prof. Dr. Jaime de Salas (Madrid)
    Leibniz’ Grundsätze für die politische Auseinandersetzung im Lichte der modernen politischen Philosophie
    (Vortragsreihe Leibniz’ politische Überlegungen ‒ drei Vorträge im Vorfeld der Bundestagswahl)

    Zum Vortrag:

    Die heutige politische und soziale Verfassung unsererGesellschaft beruht auf leitenden Ideen Leibniz’ und generell der Aufklärung, wir wissen aber, dass der durch jene Grundgedanken angestrebte Idealzustand keineswegs verwirklicht ist. Der Vortrag stellt die philosophischen Begriffe des Optimismus und der Kontingenz vor und versucht zu zeigen, wie das in Leibniz’ Denken hergestellte Gleichgewicht traditioneller und moderner Elemente dann zusammenbricht ‒ dies schließt Erörterungen hinsichtlich der Entwicklung von Institutionen und Ideen ein. Die Bedeutung der repräsentativen Demokratie steht für unser Politikverständnis außer Frage, viele von Leibniz vertretene ‒ und beispielsweise den Konzepten Public Choice oder soziales Kapital verbundene ‒ Positionen gehen aber auch in gegenwärtige politik- und sozialwissenschaftliche Debatten ein.

    In diesem Zusammenhang ist der Blick auf Leibniz’ theoretische Praxis in ihrer Gegenüberstellung zu seinen Theorien von besonderer Bedeutung.

    J. d. S.

    Donnerstag, den 18. Juni 2009
    Prof. Dr. Rolf Elberfeld (Hildesheim)
    Ordnungen mathematischen Wissens. Paradigmatische Vergleiche zwischen China und Europa

    Zum Vortrag:

    Sowohl Europa wie auch China verfügen über eine alte Tradition der Mathematik. Im Vortrag wird es darum gehen, die jeweilige Stellung und Bedeutung der Mathematik in der Ordnung des Wissens innerhalb der europäischen und der chinesischen Tradition anhand ausgewählter Beispiele zu beleuchten. Hierbei werden Fragen eine Rolle spielen wie: Welchen Sinn besaß die Idee der „Exaktheit“ in beiden Traditionen? Welcher Zeitlichkeitsstatus kam der Mathematik jeweils zu und welche Bedeutung hatte dies für die Entwicklung der Mathematik und die Anwendung der Mathematik auf die Natur?

    R. E.

    Donnerstag, den 4. Juni 2009
    Prof. Dr. Andrew Weeks (Normal, Illinois)
    Paracelsus, Rabelais und das medizinische Weltbild des 16. Jahrhunderts

    Zum Vortrag:

    Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493/94-1541), ist eine Gestalt von andauernder Faszination, deren Werk allerdings schwer zugänglich ist und oft missverstanden wird. Seinem Weltbild können wir uns nähern, indem wir seine Medikamente, Begriffe, Anspielungen und Terminologien als ein medizinisches Allgemeingut erkennen, das er unter anderen mit seinem Zeitgenossen und Arztkollegen François Rabelais (1483/94-1553) teilte.

    A. W.

    Donnerstag, den 7. Mai 2009
    Dr. Catherine Atkinson (Hannover)
    „Noa erfand erstlich den Wein“: Das Lob des Erfinders in der Frühen Neuzeit am Beispiel von Polydore Vergils „De rerum inventoribus“

    Zum Vortrag:

    Jede Epoche hat ihre eigene Vorstellung vom ‚inventor’, vom Erfinder, und lobt ihn auf die ihr eigene Weise. In der Antike galten Götter, Göttinnen und Heroen als Erfinder eines jeden Zivilisationsschrittes und als Gründer gesellschaftlicher Institutionen. In seinem enzyklopädisch angelegten Werk Über die Erfinder aller Dinge (De rerum inventoribus, Erstausgabe 1499 und stark erweiterte Neuausgabe 1521) rang der italienische Humanist Polydore Vergil (†1555) um eine neue Definition des Erfinderbegriffs. Hieran und an der 200 Jahre währenden Rezeption von Vergils Werk – bis in Leibniz’ Zeit hinein – lässt sich vieles ablesen: das wachsende Vertrauen in die menschliche Schaffenskraft, ein Wetteifern mit den Kulturleistungen der Antike, der soziale Aufstieg der Handwerksberufe und des Ingenieurwesens und die allmähliche Bejahung des Innovativen.

    C. A.

    Dienstag, den 10. Februar 2009
    Oberbürgermeister Stephan Weil (Hannover)
    Wissenschaft und Kommune. Warum sollten Städte Wissenschaftsförderung betreiben?

    Zum Vortrag:

    In der modernen Wissensgesellschaft kommt der effizienten Produktion, Verteilung und Verwertung von Wissen eine wachsende Bedeutung zu. Nur die Großstädte, die der Wissenschaft, den Forschungseinrichtungen und den Studierenden eine gute Perspektive bieten, können künftig erfolgreich sein. Hierbei spielt die Anziehungskraft urbanen Lebens in Form der Gestaltung eines weltoffenen und innovativen Klimas eine herausragende Rolle.

    S. W.

    Donnerstag, den 18. Dezember 2008
    Prof. Dr. Hans Günter Dosch (Heidelberg)
    Leibniz' Seelenlehre als Grundlage für eine Philosophie der Neurowissenschaften

    Zum Vortrag:

    In jüngster Zeit wird von Neurophysiologen immer wieder auf die Relevanz der Neurowissenschaften für erkenntnistheoretische und ethische Fragen hingewiesen. In meinem Vortrag versuche ich zu zeigen, dass auf der Suche nach einer Philosophie der Neurowissenschaften sich gerade die Seelenlehre von Leibniz als eine erfolgversprechende Basis anbietet.

    Nach einer kurzen Schilderung der für diese Überlegungen wesentlichen Elemente der Leibnizschen Seelenlehre und deren enger Beziehung zu seiner Dynamik zeige ich an zwei Ergebnissen neurophysiologischer Experimente die Tragfähigkeit des Leibnizschen Ansatzes.

    H. G. D.

    Freitag, den 21. November 2008
    Dr. Hartmut Rudolph (Hannover)
    Daniel Ernst Jablonski und Gottfried Wilhelm Leibniz – Beobachtungen zur Wissenschafts- und Kirchenpolitik in der Frühaufklärung

    Zum Vortrag:

    Daniel Ernst Jablonski (1660-1741), ein Enkel des tschechischen Philosophen, Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius, zählt zu den bedeutenden Gestalten der europäischen Frühaufklärung. Wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war er Teil eines Netzwerkes europäischer Gelehrsamkeit; seine Verbindungen reichten von England bis nach Russland; als einflussreicher reformierter Hofprediger in Berlin und als Bischof der Böhmischen Brüder trat er für verfolgte religiöse Minderheiten in Europa ein. Zwei Projekte führten ihn mit Leibniz zusammen: die Gründung der Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Versuch, die getrennten protestantischen Konfessionen (Lutheraner und Reformierte/Calvinisten) zu vereinen. Im Vortrag wird nach Grundlagen und Motiven beider Persönlichkeiten gefragt und auch ein Blick darauf geworfen, inwieweit sich ihre jeweiligen wissenschafts- und kirchenpolitischen Intentionen in den nachfolgenden Jahrhunderten als tragfähig erwiesen haben.

    H. R.

    Donnerstag, den 11. September 2008
    Prof. Dr. Gideon Freudenthal (Tel Aviv)
    Rationalismus und Common Sense: Mendelssohns Begründung des Judentums

    Zum Vortrag:

    Moses Mendelssohn (1725-1786) galt zu seinen Lebzeiten als wichtigster deutscher und jüdischer Aufklärer. Er legte seine Religionsphilosophie in seinem Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum (1783) dar. In diesem Werk tritt Mendelssohn einerseits für eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ein, andererseits entwickelt er (im zweiten Teil) auch seine Auffassung des Judentums. Dieser Teil des Werkes ist immer wieder kritisiert worden. Mendelssohn behauptet, dass die „natürliche Religion“ (Anerkennung der Existenz Gottes, Vorsehung und Belohnung und Strafe) allein mit gesundem Menschenverstand für wahr erkannt werden könne, und daher sei auch die ewige Glückseligkeit unabhängig von jeglicher geoffenbarten Religion. Wenn dem aber so sei, so meinen die Kritiker, warum begnügte sich Mendelssohn nicht mit dieser natürlichen Religion, sondern bestand darauf, dem Judentum die Treue zu halten? In Jerusalem argumentierte Mendelssohn, dass das jüdische „Zeremonialgesetz“ den Abfall in Idolatrie verhindere. Diese These Mendelssohns gründet in seiner Zeichentheorie und ist nicht verstanden worden. In meinem Vortrag möchte ich diese Theorie entwickeln und anhand von Mendelssohns Kommentar zum Exodus ihren Beitrag zu Mendelssohns Theorie der Idolatrie und daher zur Daseinsberechtigung des Judentums aufzeigen.

    G. F.

    Sonnabend, den 31. Mai 2008
    Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Robert Spaemann (München)
    Seelen
    (Vortrag im Rahmen des Festivals der Philosophie in Hannover)

    Zum Vortrag:

    Die Rede von Seelen ist in Misskredit geraten. Der Materialismus, der reduktionistische wie der nichtreduktionistische, versucht, die Seele ersatzlos zu streichen und die ihr zugeschriebenen Zustände und Tätigkeiten als physiologische zu erweisen. Der prekäre philosophische Status der Seele rührt vor allem her von der Hypostasierung einer unabhängigen Seelensubstanz durch Descartes, die auf schwer erklärbare Weise mit einer Körpersubstanz verbunden sein und mit dieser den Menschen ausmachen soll. Kant hat mit gewichtigen Argumenten den Gedanken einer solchen Seelensubstanz als Paralogismus kritisiert. Diese Kritik hat, zusammen mit Humes Argument der Unerfahrbarkeit einer solchen Substanz, dem Festhalten an ihr innerhalb der Philosophie die Respektabilität genommen.

    Der Gedanke der Unsterblichkeit der Seele ist der Gedanke, dass auch die endliche Partizipation an Sinn, also Transzendenz, da sie keine Funktion organischer Selbsterhaltung ist, mit dieser nicht zugrunde geht. Die Unsterblichkeit der Seele ist ein Postulat der Liebe und ein Postulat mit Bezug auf die Liebe, die ihr eigenes Ende nicht denken will, weil sie es nicht denken kann, ohne ihre eigene Idee zu destruieren.

    R. S.

    Donnerstag, den 27. März 2008
    Prof. Dr. Heinrich Schepers (Münster)
    Neues zu Raum und Zeit bei Leibniz

    Zum Vortrag:

    Als Leibniz im letzten Jahr seines Lebens in seiner Auseinandersetzung mit Samuel Clarke der von Newton vertretenen Theorie eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit seine Auffassungen entgegenstellte, waren diese bei ihm schon lange ausgereift, wenn auch nicht von ihm zusammenfassend niedergeschrieben worden.

    Leibniz’ Theorie wurzelte stark in seiner in ihren Grundzügen geheimgehaltenen Metaphysik, für die er bei Newton und Clarke kein Verständnis erwarten konnte. So beschränkte er sich darauf, alles auf den Satz vom Grund zurückzuführen, kam aber selbst damit nicht an.

    Man kann sich nur Klarheit über Leibniz’ Begriffe von Raum und Zeit verschaffen, indem man seinen verstreuten Äußerungen und Definitionen nachgeht und sie in Verbindung bringt mit seinen Grundauffassungen über die Natur der singulären Substanzen, die sich und perspektivisch ihre Welt, ohne aufeinander Einfluss zu nehmen, durch ihre freien Handlungen konstituieren. Die Folge beziehungsweise das Nebeneinander dieser Handlungen sind es, die die Ordnungen ausmachen, die wir als Zeit und Raum begreifen, sowohl für alles Existierende wie auch für alles nur möglich Gebliebene.

    Es ist diese allumfassende Einbettung seiner Theorie von Zeit und Raum in eine bis dahin unerhörte Metaphysik der individualisierten Possibilien, die sich im Geiste Gottes frei entfalten, bevor der göttliche Wille beschließt, die beste der von ihnen gebildeten Welten zur Existenz zu bringen, die Leibniz nicht zu veröffentlichen wagte.

    H. S.

    Donnerstag, den 17. Januar 2008
    Dr. Alfred Schröcker (Wunstorf)
    Ein Eigendenker. Der junge Johann Christian Kestner in der Aufklärung

    Zum Vortrag:

    Johann Christian Kestner (1741-1800) ist bekannt als Ehemann der Charlotte Buff und somit auch als der vernünftige „Albert“ in Goethes Leiden des jungen Werther, etwas weniger als langjähriger Korrespondent Goethes, am wenigsten als Vater der mit acht erfolgreichen Söhnen einflussreichen Familie, darunter auch der Diplomat und Kunstsammler August Kestner, auf den das Kestner-Museum Hannover zurückgeht.

    Im Nachlass Kestner (Stadtarchiv Hannover) sind trotz schwerer Kriegsschäden zahlreiche Manuskripte des jungen Johann Christian Kestner erhalten (1760-1767). Sie ergeben ein detailliertes Bild darüber, wie Aufklärung bei diesem Sohn eines führenden hannoverschen Verwaltungsbeamten (Johann Hermann Kestner war Geheimer Sekretär) ankommt.

    Kestner hat sich in jungen Jahren vor allem für Literatur und Geschichte interessiert, in keiner Weise für Philosophie. So hat er in dieser Zeit kaum Philosophen gelesen, weder Leibniz, Wolff und seine Schüler noch den frühen Kant, schon gar nicht Voltaire oder Rousseau, dagegen La Bruyères „Charaktere“ und Lockes Erziehungsbuch, also keine Theorie. Diese Situation bietet uns heute die Möglichkeit, am konkreten Fall Johann Christian Kestner zu prüfen, welches Gedankengut der Aufklärung gerade bei einem nicht an Philosophie interessierten jungen hannoverschen Bürger kurz nach der Mitte des 18. Jahrhunderts angekommen ist. Dabei stellt sich heraus, dass bei Kestner wesentliche Grundzüge aufklärerischen Denkens wie selbstständiges Denken und Hinterfragen, wesentliche Rolle von Nutzen, von Erfahrung u. a. vorhanden sind, die er konkret und eigenständig in unterschiedlichen Bereichen wie Moral, Pädagogik, Medizin oder Physiognomik anwendet.

    A. S.

    Donnerstag, den 22. November 2007
    Prof. Dr. Theo Kölzer (Bonn)
    „Der Zweck heiligt die Mittel“? Mittelalterlichen Urkundenfälschern auf der Spur
    (Vortragsreihe Die verborgene Sprache der Dinge zum Jahr der Geisteswissenschaften)

    Zum Vortrag:

    „Die Welt will betrogen sein, also wird sie betrogen“, lautet eine alte Erkenntnis, und die regelmäßig aufgedeckten Skandale in allen Bereichen des heutigen gesellschaftlichen Lebens bestätigen sie immer wieder aufs Neue. Allenfalls den Fachleuten dürfte bekannt sein, dass auch das christlich geprägte Mittelalter in dieser Beziehung Erkleckliches geleistet hat und dass die Fernwirkungen z. T. bis in unsere Zeit reichen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um „Kutten-Kujaus“ (Der Spiegel) oder lichtscheues Gesindel, obwohl solche generellen Stigmatisierungen unser Vorurteil befriedigen. Der Historiker wird unter dem Eindruck einer sorgfältigen Analyse von Einzelfällen um ein differenziertes Urteil jenseits einer pauschalen Verdammung oder einer Generalabsolution bemüht sein müssen. Der Vortrag erläutert dies anhand eines konkreten Beispiels: Jüngste Forschungen sind einem Fälscher-Abt des beginnenden 12. Jahrhunderts auf die Spur gekommen, der einen umfangreichen Komplex von Königs-, Kaiser- und Papsturkunden gefälscht hat und auch für Auswärtige tätig wurde. Die Beobachtungen gewähren gleichsam einen Schulter-Blick in seine Werkstatt und erlauben Rückschlüsse auf seine Motivation, seine Mitwisser und den Erfolg seiner Bemühungen.

    T. K.

    Freitag, den 16. November 2007
    Prof. Dr. Dr. Franz Schupp (Freiburg/Br.)
    Averroes Latinus / Averroes Arabus. Ein Missverständnis: Leibniz und andere

    Zum Vortrag:

    Ibn Rušd (1126-1198) wurde den lateinischenPhilosophen und Theologen unter dem Namen Averroes durch die lateinischen Übersetzungen seiner umfangreichen Aristoteles-Kommentare und seines medizinischen Kompendiums Colliget bekannt. Aus der Beschäftigung mit diesen Kommentaren ging der berühmt-berüchtigte sog. lateinische Averroismus hervor, der manchmal als „Aufklärung im Mittelalter“ bezeichnet wird. Aufgrund dieser Entwicklung wurde in den westlichen Ländern auf die Person des Averroes zurückgeschlossen, also ein „lateinischer Averroes“ konstruiert, ein Bild, das bis ins 19. Jahrhundert hinein geltend war.

    Die eigenen philosophisch-theologischen Schriften des Averroes (etwa 700 Druckseiten) wurden mit Ausnahme eines zwei-Seiten-Textes weder ins Lateinische noch auch in irgendeine westliche Sprache übersetzt, waren somit unbekannt und konnten daher auch nicht in die Einschätzung des Averroes einbezogen werden. Diese seit dem 13. Jahrhundert in Madrid liegenden Manuskripte wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt und ediert und gaben Anlass zu einer Revision des Averroes-Bildes und zu einer Neueinschätzung des sog. Averroismus. Die Diskussion über die damit aufgeworfenen Fragen dauert bis heute an. Dieser „arabische Averroes“ wird auch in der gegenwärtigen kulturphilosophischen Diskussion in den arabischen Ländern herangezogen, aber manchmal auch mit dem „lateinischen“ Averroes verwechselt.

    F. S.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 18. Oktober 2007
    Claudia M. Boedecker (Hannover)
    Sehen lernen am Beispiel von Fälschungen und Originalen im Kestner-Museum
    (Vortragsreihe Die verborgene Sprache der Dinge zum Jahr der Geisteswissenschaften)

    Zum Vortrag:

    Dieser spannende Vortrag bietet einen kleinen Exkurs in die detailgenaue Beobachtung und Untersuchung einiger musealer Exponate von der Antike bis zum 20. Jahrhundert.

    Fragen wie „was sagt uns die Herstellungstechnik, was die Funktion“, „wie kann die Stilgeschichte Aufschluss geben über falsche Datierungen“ und „wie unterscheide ich Original und Fälschung“ werden geklärt. Neben einer solchen Herangehensweise an ein Objekt stehen dem Sammler immer auch die naturwissenschaftlichen Methoden zur Überprüfung zur Verfügung, deren Kosten aber häufig in keinem Verhältnis zum Objektwert stehen. Deshalb kann und sollte den eigenen Augen und der eigenen Fachkenntnis vertraut werden.

    Handelt es sich bei den Exponaten auch nicht immer um arglistige Täuschungen, so wird doch deutlich, dass auch die Hersteller der „unechten“ Objekte oft Meister ihres Faches waren.

    C. M. B.

    Donnerstag, den 12. Juli 2007
    Dr. Karljosef Kreter (Hannover)
    Bedeutet Hannover wirklich „hohes Ufer“? Zur Entwicklung der Namensdeutung von den ältesten Sagen bis zur wissenschaftlichen Erklärung
    (Vortragsreihe Die verborgene Sprache der Dinge zum Jahr der Geisteswissenschaften)

    Zum Vortrag:

    Die erste urkundliche Erwähnung Hannovers stammt aus dem Jahr 1163. Sagen, die den Namen „Hannover“ deuten, datieren erst aus dem 16. Jahrhundert. Die aus heutiger Sicht primitiven „Erklärungen“ beziehen sich etwa auf den Namen eines Stadtgründers (Hanof) oder erzählen eine Deutungslegende, die Hannovers Lage an der Leine einbringt (hinüber); im 17. Jahrhundert schreckt man vor abenteuerlichen Buchstabenumstellungen nicht zurück. Das Bedürfnis zu erkennen, was hinter dem Namen „Hannover“ steht, ist auch in der Folge nicht erloschen. Im 20. Jahrhundert verdrängte die schon von Leibniz ins Spiel gebrachte fragwürdige Deutung „hohes Ufer“ alle älteren Varianten. – Der Vortrag zeichnet die Entwicklung in ihrem historischen Kontext nach und macht sie verständlich. Für den Namen „Hannover“ wird eine neue, zeitgemäße Erklärung auf wissenschaftlicher Grundlage angeboten.

    K. K.

    Donnerstag, den 28. Juni 2007
    Prof. Dr. Herbert Breger (Hannover) / Dr. Sabine Sellschopp (Berlin) / Dr. Siegmund Probst (Hannover)
    „... confusum est chaos schedarum“: Irrwege, verwischte Spuren und verborgene Wegweiser im Labyrinth des Leibniz-Nachlasses
    (Vortragsreihe Die verborgene Sprache der Dinge zum Jahr der Geisteswissenschaften)

    Zum Vortrag:

    Nicht nur einmal bringt Leibniz das Gefühl zum Ausdruck, von den ihn umgebenden Papiermassen erdrückt zu werden. Auch heute können die Dimensionen seines Nachlasses, die Vielzahl von Abhandlungen und Briefen, Exzerpten, Konzepten und Reinschriften, Faszikeln, Blättern und Zetteln den Eindruck eines Urwaldes – oder eines Labyrinths – aufkommen lassen. Wohl sind darin Wege abgesteckt, Ariadnefäden ausgelegt: das (weit mehr als den eigentlichen Nachlass umfassende) Material ist mehrheitlich katalogisiert. Dass dies noch kein Durchkommen garantiert, gehört zu den täglichen Erfahrungen der eigentlichen „Wegbereiter“: der historisch-kritischen Edition von Leibniz’ Sämtlichen Schriften und Briefen. Denn der weitaus größere Teil der Leibniz-Überlieferung – ob Briefe oder Abhandlungen – war nicht für eine größere Öffentlichkeit bestimmt, sondern nur für einen kleinen, eingeweihten Adressatenkreis. Und das bedeutet: vieles wird nur angedeutet, bleibt implizit – und muss heute erst mühsam erschlossen werden. Darüber hinaus fehlen nicht selten elementare Angaben wie eine Datierung oder Adressatenzuweisung. Und schließlich hat Leibniz in seinen späteren Lebensjahren, in denen er sich zunehmend veranlasst sah, Pläne und Wege zu verschleiern, eventuelle ungebetene Mitleser seiner Briefe mitunter auf Irrwege geführt – die die Editoren überhaupt erst einmal als solche erkennen müssen. Beispiele hierfür wollen wir präsentieren – und aufzeigen, wie unsere Handschriften dann aber doch zu Aussagen gebracht werden können, die sie mitunter nach Leibniz’ Intention eigentlich verschweigen sollten.

    H. B. / S. S. / S. P.

    Donnerstag, den 7. Juni 2007
    Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. mult. Friedrich-Wilhelm Wellmer (Hannover)
    Leibniz’ Wirken im Oberharzer Silberbergbau

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag gliedert sich in drei Blöcke:

    Im ersten Block werden die geologischen und technischen Grundlagen des Oberharzer Silberbergbaus im ausgehenden 17. Jahrhundert erläutert. Der Oberharz war eines der vier großen Silberbergbaugebiete Europas neben Tirol, dem ungarisch/slowakischen Erzgebirge und dem sächsisch/böhmischen Erzgebirge. Da Silber das Münzmetall schlechthin war mit einer für Silber fünfmal günstigeren Gold/Silber-Relation als heute, war Silberbergbau der wichtigste Bergbauzweig überhaupt und Technologietreiber.
    Die Harzer Gruben hatten mit zulaufendem Wasser zu kämpfen. Daher war das „Zu-Sumpf-halten“ der Gruben eine wichtige Voraussetzung für den Silberbergbau. Dies geschah mit Pumpen, die von Wasserrädern angetrieben wurden. Wasser war die Energie des Harzer Silberbergbaus schlechthin. Zu Leibniz’ Zeiten war das Potential der Wassernutzung für den Oberharzer Bergbau fast ausgenutzt. Ein Paradigmenwechsel war notwendig. Hier setzte Leibniz an, indem er die Edelenergie Wasser, die hervorragend gesteuert werden konnte, mit der unstetigen, daher weniger edlen Energie Wind kombinieren wollte. Sein Plan war, das Wasser, das bereits Wasserräder angetrieben hatte und abgearbeitet war, mit Hilfe von Windmühlen über Sparteiche zu rezyklieren.

    Im zweiten Block wird der politische und organisatorische Rahmen erläutert, der Leibniz’ Wirken im Oberharz bestimmte.

    Im dritten Block wird auf Leibniz’ Wirken im Oberharz eingegangen. Man kann dieses Wirken in drei Phasen unterteilen: 1678-1685/86 Wasserwirtschaft s.o., 1685/86 und 1692-95 Entwicklung von drei Verbesserungen zur Schachtförderung, 1712-1715 Entwicklung eines Instrumentes zur barometrischen Höhenmessung. Abschließend wird der Frage nachgegangen, warum Leibniz im Oberharz gescheitert ist.

    F.-W. W.

    Donnerstag, den 19. April 2007
    Dr. Eva Johanna Schauer (Hannover)
    Prinzessin Antonia zu Württemberg (1613-1679) und ihre kabbalistische Lehrtafel

    Zum Vortrag:

    Prinzessin Antonia zu Württemberg gehört zu den fürstlichen Frauen des 17. Jahrhunderts, deren Lebenszeit von den Wirren des 30jährigen Krieges überschattet wird. Männermangel versagt ihr eine dynastische Bedeutung, aber der berühmte schwäbische Theologe und Schriftsteller Johann Valentin Andreä sorgt für eine außergewöhnliche Bildung der Prinzessin und ihrer beiden Schwestern Anna Johanna und Sibylla, die nicht nur das Erlernen von Latein, naturwissenschaftlicher Disziplinen, Kunst und Musik einschließt, sondern im Falle Prinzessin Antonias auch das Erlernen der hebräischen Sprache – ein Novum selbst für die Theologen der damaligen Zeit.

    Mit der Kabbalistischen Lehrtafel,.die in der Dreifaltigkeitskirche von Bad Teinach zu besichtigen ist, ließ die Prinzessin nicht nur ein Unikat in der Kunstwelt schaffen, sondern einen originellen und universellen Ausdruck barocker Lebenskultur und persönlicher Frömmigkeit.

    E. J. S.

    Donnerstag, den 8. März 2007
    Prof. Dr. Hans Poser (Berlin)
    Ethische Probleme der Nanotechnologie

    Zum Vortrag:

    Nanowissenschaften beschäftigen sich mit Eigenschaften von Strukturen aus wenigen Atomen, in der Nanotechnologie geht es um die Manipulation und Nutzung dieser Strukturen und ihrer Eigenschaften. Obwohl und weil all diese Forschung und Entwicklung noch ganz am Anfang steht, gibt es auf der einen Seite euphorische Vorhersagen über neue technische Wunderwelten, denen auf der anderen Seite Warnungen gegenüber stehen, die als Konsequenz bis zu einem Einstellen aller Nanowissenschaft reichen. Beide Seiten sollen gegeneinander abgewogen werden, um einen Vorschlag zur Überwindung von Science fiction einerseits, Kassandrarufen andererseits zu entwickeln.

    H. P.

    Dienstag, den 27. Februar 2007
    Prof. Rolf Wernstedt (Hannover)
    Macht und Ohnmacht der Länderparlamente

    Zum Vortrag:

    Die Länder der Bundesrepublik Deutschland haben deswegen Staatsqualität, weil sie Parlamente haben. In der öffentlichen Wahrnehmung und der realen politischen Auseinandersetzung stehen die Parlamente allerdings nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die Ministerpräsidenten und die Landesregierungen. Das ist im Medienzeitalter ein gravierender Mangel.

    Diese Entwicklung ist nicht von ungefähr, sondern liegt an einer ungenügenden Finanzordnung und einer schleichenden Aushöhlung der Kompetenzen der Länderparlamente. Dies hat sich auch durch die letzte Föderalismusreform im Kern nicht verändert.

    Der Vortrag reflektiert diese Situation aus rechtlicher und praktischer Sicht.

    R. W.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Freitag, den 24. November 2006
    Prof. Dr. Joachim Perels (Hannover)
    Das Denken von Leibniz und der Widerstand der „Weißen Rose“ gegen Hitler. Das Beispiel von Prof. Kurt Huber

    Zum Vortrag:

    Ein führendes Mitglied der Gruppe „Weiße Rose“, die sich Anfang der 40er Jahre im Kampf gegen die NS-Diktatur gebildet hatte, war Prof. Kurt Huber. Er lehrte an der Münchner Universität Philosophie. In dem Vortrag geht es um den Zusammenhang von Hubers Interpretation der Philosophie von Leibniz und der Teilnahme am politischen Widerstand gegen Hitler.

    J. P.

    Donnerstag, den 19. Oktober 2006
    Dr. Catherina Wenzel (Berlin)
    Liselotte Richter (1906-1968). Aus dem Leben und Werk der ersten deutschen Professorin für Philosophie und Religionswissenschaft

    Zum Vortrag:

    Am 7. Juni diesen Jahres wäre Liselotte Richter, Deutschlands erste Philosophie- und Theologieprofessorin, 100 Jahre alt geworden. Es geht in meinem Vortrag nicht nur darum, an eine zweifelsohne bedeutende Gestalt aus der Nachkriegsgeschichte der Berliner Humboldt Universität zu erinnern, sondern auch darum, Einblick in ihr Œuvre zu geben. Richter hat auf die unterschiedlichen geistigen Strömungen zwischen 1925 und 1965 sensibel und durchaus anpassungsfähig reagiert. Geprägt von der Kultur der 20er Jahre hat sie den Nationalsozialismus und die DDR erlebt. Von 1936 bis 1943 arbeitete Liselotte Richter für die Preußische Akademie der Wissenschaften an der Leibniz-Ausgabe, kurz nach dem Krieg hat sie die kommunistische Utopie entschieden begrüßt. Da seit Anfang der 50er Jahre für die vor allem am Existentialismus interessierte Professorin – sie hat eine Reihe von Werken Kierkegaards, Sartres und Camus’ für den Rowohltverlag übersetzt und eingeleitet – an einem marxistischen Institut für Philosophie kein Platz mehr war, wechselte sie an die theologische Fakultät. Wohnhaft in Berlins Westen und tätig in Ostberlin wurde sie zur Grenzgängerin nicht nur zwischen Philosophie und Theologie, sondern auch zwischen den beiden deutschen Staaten.

    C. W.

    Donnerstag, den 22. Juni 2006
    Prof. Dr. Ursula Goldenbaum (Atlanta)
    Leibniz' Begeisterung über ein unerträglich freches Buch Spinozas. Anmerkungen gelegentlich eines unentdeckten Leibnizstücks

    Zum Vortrag:

    Lange Zeit wurde angenommen, Leibniz habe Spinoza erst nach dem Erscheinen von dessen Ethik (1678) ernsthaft studiert. Da außerdem lange Zeit angenommen wurde, dass Leibniz die Eckpunkte seiner Philosophie in frühester Jugend (um 1665) entwickelt habe und seine philosophischen Schriften eine ausgesprochen kontinuierliche Entwicklung aufzeigen würden, wurde ein möglicher Einfluss Spinozas auf Leibniz von den meisten Leibnizforschern bis vor wenigen Jahren heftig bestritten. Mit dem Auffinden eines neuen Leibnizstücks ändert sich diese Sachlage. Ein wichtiger Leibniz-Text der Jahre 1670/71 muss auf diesem Hintergrund als intensive Auseinandersetzung mit Spinoza gelesen werden, in deren Ergebnis Leibniz seinen neuen epistemologisch bedeutsamen Begriff einer klaren, aber verworrenen Idee entwickelt – die idea clara confusa.

    U. G.

    Donnerstag, den 23. März 2006
    Dr. Alfred Schröcker (Wunstorf)
    „Vielleicht ein unergründliches Studieren“. Physiognomik und Charakterisierung beim jungen Johann Christian Kestner (1741-1800)

    Zum Vortrag:

    Johann Christian Kestner (1741-1800) ist bekannt als Ehemann der Charlotte Buff und somit auch als der überaus vernünftige, nüchterne „Albert“ in Goethes Leiden des jungen Werthers. In freier Wahl zwischen Goethe und Kestner entschied sich Charlotte 1772/73 für Kestner. Die acht Söhne aus dieser Ehe machten Karriere als hannöversche Beamte, als Diplomat und Kunstsammler (August Kestner), als Medizinprofessor oder als Industrieller.

    Im Nachlass Kestner (Stadtarchiv Hannover) sind trotz starker Verluste im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Manuskripte des jungen Johann Christian Kestner erhalten (1760-1767). Sie ergeben ein anschauliches Bild darüber, wie Anakreontik, Empfindsamkeit und Aufklärung bei diesem Sohn eines führenden hannöverschen Verwaltungsbeamten (Johann Hermann Kestner war Geheimer Sekretär) ankommt (eine Studie über die jungen Jahre des Johann Christian Kestner ist in Arbeit).

    Aus den vielseitigen Interessen Kestners greift der Vortrag seine Ansichten und praktischen Erfahrungen mit der Physiognomik ein Jahrzehnt vor Lavaters Physiognomischen Fragmenten auf. Im Unterschied zu Lavater zeigt sich, dass Kestner die Physiognomik empirisch-kritisch prüft und nicht einfach deren Gültigkeit voraussetzt, insofern also trotz einiger Unterschiede eher auf der Linie von Georg Christoph Lichtenbergs Äußerungen im Physiognomikstreit der 70er Jahre des Jahrhunderts liegt. Kestner und Lichtenberg eint auch das erkenntnisleitende Interesse, das Wesen des Menschen tiefer zu erfassen, das bei Lavater vorhanden scheint, aber stark durch seine religiösen Absichten überlagert wird. Infolgedessen ist für Kestner die genaue Beobachtung und Charakterisierung der Menschen aufs engste mit seiner Kritik an der Physiognomik verbunden. Im Unterschied zu Lichtenberg und Lavater hat Kestner seine kritischen Ansichten zwar festgehalten, aber nicht veröffentlicht.

    A. S.

    Donnerstag, den 16. Februar 2006
    Prof. Rolf Wernstedt (Hannover)
    Was bedeuten unterschiedliche Erinnerungskulturen in Deutschland?

    Zum Vortrag:

    Mein Vortrag wird sich damit beschäftigen, dass die intensive Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, der Flucht und Vertreibung, der Bombenangriffe, der Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenschaft und der Soldaten in jeweils getrennten Diskursen gepflegt wird. Dies erscheint deswegen problematisch, weil die politische Ursprungs-Verantwortlichkeit für all diese Vorgänge dieselbe ist. Es ist in Deutschland noch keine Form gefunden, die unterschiedlichen Opfergruppen gemeinsam zu denken, ohne die Differenzen und Verantwortlichkeiten zu verwischen.

    R. W.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 19. Januar 2006
    Prof. Dr. Regine Kather (Freiburg im Breisgau)
    Wer ist eine Person? Über die Bestimmung des menschlichen Lebens

    Zum Vortrag:

    Erst mit der Genese der modernen Naturwissenschaften wurden, insoweit stimmen Descartes, Spinoza und Leibniz überein, körperliche Funktionen unabhängig von geistigen betrachtet. Damit freilich verändert sich das menschliche Selbstverständnis. Der Körper, so argumentierte Locke erstmals, sei nur Gattungsmerkmal, und nur der sich selbst erlebende Geist ein Merkmal der individuellen Person. Dann freilich sind nicht alle Menschen Personen. Diese Position wurde bestimmend für die aktuelle bioethische Debatte. Doch ist die Trennung von Körper und Geist wirklich angemessen? Ist nicht bereits der Körper unterbestimmt, wenn man ihn nur als funktionierenden biologischen Organismus sieht? Und spielt nicht auch die personale Beziehung zu anderen Menschen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der eigenen Identität? Lässt sich Leben überhaupt in einen wertfreien Funktionszusammenhang und den nach Zielen suchenden menschlichen Geist aufspalten?

    R. K.

    Donnerstag, den 1. Dezember 2005
    Prof. Dr. Gábor Boros (Budapest)
    Aktualität der frühneuzeitlichen Theorien der Emotionen

    Zum Vortrag:

    Emotionstheorie ist ein multidisziplinäresForschungsgebiet, dessen Vertreter – Philosophen, Psychologen, Neurowissenschaftler – sich vorzugsweise auf Denker des 17. Jahrhunderts, insbesondere Descartes und Spinoza berufen. Was in den Systemen jener Denker es ermöglicht und vielleicht notwendig macht, sich ihrer heute zu bedienen, ob Inanspruchnahme wie Kritik prinzipiell berechtigt und die Möglichkeiten, die eine historische Reflexion auf seinen Gegenstand dem Forscher bietet, bereits vollständig genutzt sind, wird im Vortrag untersucht.

    G. B.

    Freitag, den 18. November 2005
    Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Erwin Stein (Hannover)
    Neue Forschungsergebnisse und Nachbauten zu den Leibnizschen Rechenmaschinen

    Zum Vortrag:

    Entwurf, Konstruktion und Bau der Leibnizschen dezimalen Vier-Spezies-Rechenmaschinen – die 4/3/7-stellige erste 1673 in Paris mit Sprossenrädern für die Zahleneingabe und die 8/8/16-stellige zweite ab 1693 in Hannover mit Staffelwalzen – bedeuteten eine grundlegende Erweiterung und Neukonzeption der damaligen dezimalen mechanischen Rechenhilfsmittel. Das komplexe aber systematische, abstrakt-logische Konzept dieser Maschine hätte kaum aus vorwiegend handwerklichen Weiterentwicklungen der Maschinen von Wilhelm Schickard (verschollen seit 1623) und Blaise Pascal (1644) entstehen können. Die Funktionsweise wird im Vortrag anhand unseres Neubaus im Maßstab 2:1 und der Großmodelle im Maßstab 8:1 für die Staffelwalze und die Zehnerübertragung sowie durch Bilder erläutert. Vergleiche mit dem ebenfalls vorgestellten authentischen Nachbau der Leibniz-Maschine von Klaus Badur untermauern das Verständnis.

    Von Bedeutung sind die Konstruktions- und Ausführungsmängel der Leibnizschen Originalmaschine bezüglich der vollständigen Zehnerüberträge im gesamten Zahlenbereich, und zwar die von Nikolaus J. Lehmann (Dresden) in den 80er Jahren entdeckte Notwendigkeit der von rechts nach links abnehmenden Spreizwinkel zwischen den Zweihörnern (auf Zwischenwellen der Staffelwalzen) sowie die von uns entdeckte erforderliche zusätzliche Drehung der Magna-Rota-Kurbel um ca. 87° mit anschließender Rückdrehung in unserem Nachbau, wenn man die Rechenmaschine nach Meyer zur Capellen als (zwangsläufige) kinematische Kette mit einem Freiheitsgrad, d. h. ohne Spiel versteht. In der Leibniz-Maschine können diese Mängel weitgehend durch die geniale Erfindung der Rastkerbenräder kompensiert werden; diese werden durch Flankenpressung auf die Rastkerben mittels abgerundeter Biegefedern in die erforderliche Stellung gedrückt, womit jeweils eine zusätzliche Drehung von ca. 14° der insgesamt notwendigen 36° pro Dezimalstelle erzielt wird.

    In unserem neuen Nachbau im Rahmen eines DFG-Projektes von Karl Popp† und Erwin Stein (Konstruktion von Franz-Otto Kopp und Bau durch das Institut für Mechanik) wurden alle genannten Mängel korrigiert, Optimierungen maßgebender Getriebewinkel durchgeführt, die Herstellungsgenauigkeit wesentlich verbessert und eine Reihe von Sicherungselementen zur Vermeidung missbräuchlicher Bedienung eingebaut. Als Ergebnis unserer Forschung kann festgestellt werden, dass die 8/8/16-stellige Leibniz-Maschine mit den Korrekturen von Lehmann und uns im gesamten verfügbaren Zahlenbereich richtig rechnet, dass aber auch der „Trick“ einer weiteren Umdrehung der Magna-Rota-Kurbel nach Auf-Null-Stellung der Eingabezahlen zur vollständigen Zehnerübertragung führt.

    Weiterhin werden die Neukonstruktion und der Neubau der von Leibniz 1679 beschriebenen dualen Rechenmaschine für Additionen und Multiplikationen, der Machina arithmeticae dyadicae, mit ihren Funktionsweisen vorgestellt. Gegenüber dem nicht zuverlässig funktionsfähigen Erstbau von 1971 durch das Deutsche Museum München nach dem Entwurf von Ludolf von Mackensen sind im Neubau die Zweierüberträge der ablaufenden Kugeln mit Hilfe von winkelförmigen (mit Spiralfedern rückgeführten) Fangearmen verwirklicht; die Federn und erforderlichen Anschläge sind jeweils auf einer Welle unter der Rechenplatine angeordnet. Diese binäre Maschine wurde vom Vortragenden konzipiert und von Gerhard Weber 2004 (mit Beiträgen von Franz-Otto Kopp und dem Vortragenden) konstruiert und weitgehend aus Acryl gebaut, und zwar als geschlossenes System. Sie rechnet richtig und robust im gesamten 7/5/12-stelligen binären Zahlenbereich und trägt – wie die neue Vier-Spezies-Rechenmaschine – unserem Anspruch an die gesamte Leibniz-Ausstellung Rechnung: „Leibniz zum Anfassen und Verstehen“.

    E. S.

    Donnerstag, den 3. November 2005
    Dr. Thomas Wallnig (Wien)
    „... nicht so ketzerisch, wie Du denkst ...“. Johann Georg Eckhart und die protestantische Gelehrtenwelt im Dialog mit einem österreichischen Benediktiner

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag befasst sich mit dem Briefwechsel zwischen Johann Georg (von) Eckhart, dem Sekretär und Nachfolger Leibniz' als Welfischer Haushistoriograph, und Bernhard Pez, Benediktiner und Geschichtsforscher in Melk. Der Briefwechsel dauerte von 1717, also ein Jahr nach Leibniz' Tod, bis zum Jahr 1728, als Eckhart bereits konvertiert war und im Dienste des Würzburger Fürstbischofs stand. Die 33 Briefe bieten einen interessanten Einblick in das Verhältnis zwischen zwei Forschern, zugleich aber auch zwischen zwei Wissenschaftssphären in einer vorwiegend irenistisch geprägten Phase der konfessionellen Auseinandersetzung. Hier möchte der Vortrag ansetzen und, ausgehend von einer Vorstellung der beiden Korrespondenzpartner und ihrer brieflichen Netzwerke, einige allgemeine Beobachtungen zur Begegnung von protestantischer und katholischer Gelehrsamkeit im frühen 18. Jahrhundert ins Blickfeld rücken. In diesem Zusammenhang drängt sich schließlich die Frage auf, welche Rolle Leibniz im Austausch zwischen Eckhart und Pez spielte – oder eben nicht spielte.

    T. W.

    Donnerstag, den 29. September 2005
    Prof. Dr. Jürgen Voss (Mannheim)
    Liselotte von der Pfalz (1652-1722). Zeitgenössin und Korrespondentin von Leibniz

    Zum Vortrag:

    Liselotte von der Pfalz, die Herzogin von Orléans, wie sie seit ihrer Heirat 1671 hieß, hat sich durch ihre großartige Korrespondenz einen Namen gemacht. Der Vortrag behandelt, welche Rolle dabei Hannover und Leibniz einnehmen und analysiert, welche Bereiche in ihrer Korrespondenz für uns heute besonders interessant sind: Porträts von Zeitgenossen, Charakterisierung von Ländern und Völkern, Sprache und Kultur, Medizin und Naturwissenschaften, Alltagsgeschichte sowie Religion und Konfessionen.

    J. V.

    Mittwoch, den 13. Juli 2005
    Prof. Dr. Gideon Freudenthal (Tel Aviv)
    Definition und Konstruktion. Salomon Maimons Kritik an Kant: Es gibt gar keine synthetischen Urteile a priori

    Zum Vortrag:

    Kant hielt Maimon für seinen besten Kritiker, Fichte bezeugte seine „grenzenlose“ Verehrung für ihn und meinte sogar, dass durch Maimon die Kantische Kritik „völlig umgestoßen wird. Das alles hat er getan, ohne dass es jemand merkte“. Damit hat er bereits auf die Verkennung Maimons hingewiesen.

    Kant behauptete bekanntlich, dass die philosophische Erkenntnis Vernunfterkenntnis aus Begriffen sei, wohingegen mathematische Erkenntnis aus der Konstruktion der Begriffe in der Anschauung gewonnen werde (KrV B 741). Deswegen gehe Mathematik den „sicheren Weg“ der Wissenschaft und bringe synthetische Sätze a priori hervor, während Philosophie im Dunklen herumtappe. Was heisst es aber, einen Begriff in der Anschauung zu konstruieren?

    Salomon Maimon (1753-1800) argumentierte, dass, um einen Begriff zu konstruieren, wir eine Definition desselben und eine Konstruktionsregel brauchen. Für die beiden grundlegenden Elemente der Geometrie, für die gerade Linie und den Zirkel, haben wir jedoch entweder gar keine Definition oder keine Konstruktionsregel, die mit dem Begriff übereinstimmt. Darin zeige sich, dass Verstand und Anschauung nicht miteinander vermittelt werden können, und damit sei der Kantischen Philosophie die Basis entzogen. Maimon selbst geht daher auf Leibniz einerseits, auf Hume andererseits zurück.

    G. F.

    Donnerstag, den 30. Juni 2005
    Prof. Dr. Detlef Horster (Hannover)
    Werteverlust und Werteverfall – was sind die Gründe?

    Zum Vortrag:

    Derzeit wird in aller Breite diskutiert, ob wir von einem „Werteverfall“ bedroht sind. Benedikt XVI. warnt seit seiner Wahl zum Papst in all seinen Ansprachen und Predigten vor den Folgen der Relativierung von Werten und mahnt die Christen, das eigene Erbe kraftvoll und rein zu leben. Der Vortragende erörtert die Gründe für die Klage über den Werteverfall und fragt, ob es nicht doch objektive moralische Werte gibt.

    D. H.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier als pdf-Datei (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 19. Mai 2005
    Prof. Dr. Steffen Dietzsch (Berlin)
    Karl Rosenkranz und die Entdeckung des Deutschen Idealismus

    Zum Vortrag:

    Karl Rosenkranz (1805-1879), Ordinarius für Philosophie in Königsberg seit 1833, dokumentierte als einer der ersten philosophischen Historiographen Aufstieg und Geltung des Deutschen Idealismus. So versteht und gestaltet Rosenkranz mit seiner ersten umfassenden Kant-Edition (1838-1842), seinen Hegel-Studien (1844, 1852, 1868, 1870), seinen Vorlesungen zur Philosophie Schellings (1842) und zu Goethe (1847, 1856) die deutsche litararisch-philosophische Kultur zwischen 1770 und 1830 als eine autonome, normgebende und freiheitverbürgende Bewegung der Einen Vernunft selber.

    Aus der Gelehrtenrepublik Königsberg nimmt – nach Kant – durch Rosenkranz erneut ein Gründungs- und Konstitutionsdiskurs der Philosophie seinen Weg in die geistige Welt.

    Wir erinnern damit an ein Doppeljubiläum: 2005 feiern wir den 750. Jahrestag der Gründung der Stadt Königsberg und den 200. Geburtstag von Karl Rosenkranz.

    S. D.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 17. März 2005
    Prof. Dr. Dr. h. c. Günther Patzig (Göttingen)
    Wie geht man mit bioethischen Grundkonflikten um?

    Zum Vortrag:

    Nach einem Rückblick auf die bisherige Diskussion in Deutschland, besonders zu Fragen des Paternalismus, der Sterbehilfe, der Hirntoddefinition, der Transplantationsmedizin, der Präimplantations-Diagnostik werden besonders die Argumente Pro und Contra hinsichtlich des Klonens zu Forschungszwecken einerseits und des Klonens zu Fortpflanzungszwecken andererseits behandelt. Dabei spielen die SKIP-Argumente für das Recht auf Leben und Menschenwürde schon der Zygote und von Embryonen vom Augenblick der Befruchtung an eine wichtige Rolle. Nach kritischer Prüfung der Stringenz dieser Argumente wird eine größere Liberalität besonders hinsichtlich der strafrechtlichen Behandlung solcher Probleme empfohlen.

    G. P.

    Donnerstag, den 10. März 2005
    Dr. Ralf Nielbock (Osterode am Harz)
    Die Einhornhöhle – Friedhof des Eiszeitalters

    Zum Vortrag:

    Abriss der Geschichte der Höhle, des gegrabenen Einhorns, der Höhlenbären und der Neandertaler: Von Cäsar über Leibniz, Goethe, Virchow, von Alten und Löns zum Landesmuseum Hannover (Grabung Jacob-Friesen 1925/26, Grabung Veil/Nielbock 1985-88) mit Bezug auf die Vorstellungen über „alte Knochen“ im 16./17. Jahrhundert und hin zu den Anfängen der wissenschaftl. Grabungen ab Beginn 19. Jh; über die neuen Aktivitäten ab 2001, Gründung des Vereins Ges. Unicornu fossile e. V. 2002 und Vorschau auf neue Projekte. Zudem: Die heutige Bedeutung der Höhle für Niedersachsen und für die Menschheitserforschung.

    R. N.

    Dienstag, den 22. Februar 2005
    Prof. Dr. Dr. Norbert Hoerster (Mainz)
    Rechtsethische Überlegungen zur aktiven Sterbehilfe

    Zum Vortrag:

    Ziel des Referates ist es, Argumente vorzustellen, die das derzeit in Deutschland geltende, bedingungslose strafrechtliche Verbot der aktiven Sterbehilfe als fragwürdig erscheinen lassen.

    (1) Ein strafrechtliches Verbot läßt sich in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft nur insoweit begründen, als es ein eindeutiges Interesse der betroffenen Individuen schützt.

    (2) Diese Bedingung ist erfüllt im Fall der beliebigen „Tötung auf Verlangen“: Das Individuum hat durchaus ein Interesse daran, vor einer solchen Preisgabe des eigenen Lebens geschützt zu werden, die lediglich einer vorübergehenden Laune oder Depression entspringt und deshalb bei langfristiger Betrachtung von seinem eigenen Standpunkt aus als irrational erscheinen muss.

    (3) Die typische Situation der Sterbehilfe ist eine andere. Hier befindet sich das Individuum, das seine Tötung wünscht, in einem schweren und irreversiblen Leidenszustand. Der ärztliche Experte, der einen solchen Zustand festgestellt und zudem sichergestellt hat, dass der Wunsch seines Patienten auf eine freie und reifliche Überlegung zurückgeht, verletzt durch eine Sterbehilfe das wohlverstandene Interesse des Patienten nicht, sondern dient ihm.

    (4) Die Behauptung, dass jede Freigabe aktiver Sterbehilfe zu einem „Dammbruch“ im allgemeinen Lebensschutz führen wird, ist nicht belegbar. Vieles spricht dafür, dass die Dunkelziffer der zu Recht strafbaren Tötungen unter Bedingungen eines rigorosen Verbots jeder aktiven Sterbehilfe keineswegs geringer ist als unter Bedingungen einer eng begrenzten Zulassung.

    (5) Angesichts der in unserem Staat inzwischen weitgehend geduldeten Formen der passiven Sterbehilfe, der indirekten Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung erscheint die gegenwärtige Rechtslage mit ihrem Verbot der aktiven Sterbehilfe als ein halbherziger Kompromiss.

    N. H.

    Donnerstag, den 27. Januar 2005
    Prof. Dr. Heinrich Schepers (Münster)
    Wurzeln und Austriebe des metaphysischen Rationalismus bei Leibniz

    Zum Vortrag:

    Um Leibniz’ Rationalismus zu verstehen, genügt es nicht, ihn in Opposition zu Lockes Empirismus zu setzen. Es sind vielmehr die grundsätzlichen Annahmen und seine Modallogik, auf die schon der frühe Leibniz seine rationalistische Metaphysik gründet; Annahmen, die leicht zu begreifen sind, aber Leibniz zu hypertrophen, trotz ihrer Rationalität schwer nachvollziehbaren Konsequenzen zwangen. Wie etwa zu der These, dass es in Wirklichkeit nichts als Monaden gibt, von denen jede auf ihre Weise die ganze Welt spiegelt, anders gesagt, die ganze Welt anteilig in Freiheit erzeugt. Die Anerkennung eingeborener Ideen ist eine natürliche Folge seines, wie ich es nennen möchte, konstitutiven Konzeptualismus, demzufolge sie die Disposition des menschlichen Verstandes ausmachen.

    H. S.

    Donnerstag, den 20. Januar 2005
    PD Dr. Christian Illies (Eindhoven)
    Der unverdrängte Tod

    Zum Vortrag:

    In seiner großen Studie zum geschichtlichen Wandel des Todesverständnisses charakterisiert Philipp Ariès die Gegenwart als eine Zeit der Verdrängung; der Tod werde tabuisiert. Doch das scheint sich gewandelt zu haben: Nach neuesten Erhebungen hat ein durchschnittlicher 14jähriger Junge in Deutschland in seinem Leben etwa 15.000 Tote und Morde in Filmen und Computerspielen erlebt. Der Vortrag deutet diese Entwicklung aus philosophischer Sicht, indem er sowohl die Verdrängung als auch die jüngste mediale Wiederkehr des Todes in einen Zusammenhang mit dem menschlichen Selbstverständnis stellt. Für den Menschen der Moderne, der sich als alles gestaltender Homo faber sieht, musste der Tod das unbeherrschbare und daher unerträgliche Skandalon sein. Der mediale Tod ist aber in einem ganz anderen Sinne verfügbar – und wird so wieder erträglich.

    C. I.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier als rtf-Datei (Copyright beim Autor).

    Freitag, den 12. November 2004
    Prof. Dr. Dr. Franz Schupp (Freiburg/Br.)
    Al-Farabi/Gerhard von Cremona: De scientiis, eine Enzyklopädie der Wissenschaften aus dem 10./12. Jahrhundert

    Zum Vortrag:

    „Enzyklopädie” ist hier in einem Sinn zu verstehen, der auch bei Leibniz vorkommt: Ein Überblick über die verschiedenen Wissensgebiete, ihr Zusammenhang sowie Studien- und Forschungsstrategien, die sich daraus ergeben.

    Eine solche Enzyklopädie wurde im Bereich der islamischen Kultur erstmals von al-Farabi (um 890-950) unter dem Titel „Ihsa' al-'Ulum” verfasst. Diese Enzyklopädie wurde von Gerhard von Cremona (um 1114-1187) in Toledo unter dem Titel „De scientiis” übersetzt. Eine verkürzte Version dieses Textes erstellte Dominicus Gundissalinus (um 1110 – nach 1181). Letztere war im lateinischen Mittelalter besser bekannt als erstere und hatte auch einen ziemlich großen Einfluß, z. B. auf Roger Bacon (um 1215-1292). Im Vortrag soll aber Gerhard von Cremonas Gesamtübersetzung von „De scientiis” behandelt werden, und es soll auch weniger auf deren Fortwirken im lateinischen Bereich, stärker hingegen auf ihre Bedeutung im Kontext der islamischen Kultur des 10. Jahrhunderts eingegangen werden.

    F. S.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Mittwoch, den 20. Oktober 2004
    Prof. Dr. Kiyoshi Sakai (Tokyo):
    Gottfried Wilhelm Leibniz und Kitaro Nishida. Die Frage nach dem wahren Selbst

    Zum Vortrag:

    Kitaro Nishida (1870-1945) gehört zweifelsohne zu den originellsten Philosophen des modernen Japan. Auf der Folie des Zen-Buddhismus widmete er sein ganzes Leben der Philosophie im allgemeinen und insbesondere dem Versuch, westliche und östliche Philosophien zu vereinen. Zudem hat er sich immer wieder unablässig interessiert und mit großem Engagement leibnizschen Gedanken zugewandt, um im Anschluss seine eigene Position zu präzisieren. Nishida war in Japan wohl der erste, der die individualistische Komponente der Monadologie und deren eigentümliche Tragweite hervorgehoben hat.

    Wir wollen heute aber eine andere Perspektive der Thematik Leibniz und Nishida erörtern: Die Frage nach dem wahren Selbst, die jeder von uns sich für sich selbst ja stellen kann. Das Selbst zu erfahren heißt für Nishida, das Selbst in der Welt zu erleben, in der es existiert, während Leibniz es im Grunde als Individuum, Ich und Substanz-Monade auffasst. Was dann den Begriff der expressio multorum in uno betrifft (jedes Selbst ist zugleich ein lebendiger Spiegel des gesamten Universums), so geht es beiden Denkern um die Frage nach dem Selbst, wenngleich die Ausgangspunkte jeweils sehr verschieden sind.

    K. S.

    Donnerstag, den 14. Oktober 2004
    Dr. Cornelia Buschmann (Potsdam):
    Christian Wolffs Beiträge zu einem aufgeklärten Wissenschaftsbegriff

    Zum Vortrag:

    Die Forschungsgeschichte der Philosophie Christian Wolffs (1679-1754) steht in einem besonders engen Verhältnis zur Geschichte der Aufklärungsforschung. Während etwa Kant, Popularphilosophen wie Garve und Mendelssohn oder auch einzelne literarische Autoren im Grenzbereich philosophischer Publizistik des 18. Jahrhunderts als Protagonisten einer (auch) philosophischen Aufklärung längerfristig forschende Aufmerksamkeit gefunden haben, stand Wolff lange unter einem Verdikt metaphysischer Überanstrengung und Langeweile. Zum Beleg wurde neben Breite und Struktur seines Oeuvres gerne das vermeintliche Fehlen zeittypisch essayistischer und kulturkritisch-polemischer Textsorten herangezogen, daneben aber auch eine – mindestens im Vergleich zu den großen Systemen des 17. Jahrhunderts – unvollkommene Tiefe in der Handhabung des Repertoirs der klassischen Metaphysik beklagt. Zumal die an Kant geschulte, primär erkenntnistheoretisch und erkenntniskritisch orientierte Philosophiegeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts sparte in der Veranschaulichung der kopernikanischen Wende nicht mit Zuschreibungen des Dogmatismus und trug so zu dem allgemeinen Bild eines philosophischen Irrwegs bei, für das das Verdikt des Dogmatismus schnell seine Kantsche begriffliche Einbindung verlor und nurmehr als Synonym einer aufklärungsfremden Abgelebtheit erscheinen mochte.

    Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der Wiederentdeckung Wolffs als Aufklärer eng mit einem Konzeptwechsel der philosophischen Forschung verbunden und kann als Indikator einer Konzeptgeschichte der Aufklärungsforschung gelten. Das erwachende Interesse an Wolff als Aufklärer hatte vor allem ein gewichtiges Argument für sich: Das einer breiten und in sich differenzierten Rezeptionsgeschichte über wenigstens drei Generationen im 18. Jahrhundert selbst. Um dieses Argument zum Ausgangspunkt eines neuen Forschungszugangs werden zu lassen, bedurfte es der zunächst keineswegs selbstverständlichen, zumindest iterativen Anerkennung rezeptionsgeschichtlicher Forschung als philosophischer Forschung über die Rekonstruktion je individueller Textgenese hinaus. Nur unter dieser Voraussetzung war die Breite des Wandels in Methode und Stil philosophischer Textproduktion und nachfolgend fachdisziplinärer wie allgemein-gebildeter Argumentationsformen als philosophisches, nicht lediglich soziologisches Phänomen thematisierbar. Dem trat ein wachsendes Interesse an Fragestellungen der praktischen Philosophie, der Ethik, der politischen und ökonomischen Theorie an die Seite, in dessen Fokus Christian Wolff – zunächst überraschend – als exponierter Akteur wie Zeitzeuge aufklärerischer Transformation in Theorie und Praxis erschien.

    Vor diesem Hintergrund untersucht der Vortrag, welche Veränderungen im Wissenschaftsbegriff des 18. Jahrhunderts von Christian Wolff angeregt wurden. Neben Aspekten der Erschließung neuer Gegenstandsbereiche und methodischen Impulsen gilt die Aufmerksamkeit Wolffs Konzept eines aufgeklärten Selbstbewußtseins, das Wissenschaft und theoriegeleitetes Handeln ermöglichen soll.

    C. B.

    Donnerstag, den 23. September 2004
    PD Dr. Peter Nickl (Hannover):
    Facetten der Freiheit

    Zum Vortrag:

    Von der Freiheit zu reden ist notwendig, weil sie bedroht ist: Einerseits durch die einschläfernde Vorstellung, als Mitglieder einer freien Gesellschaft seien wir automatisch schon frei – andererseits durch die Vorstöße der Neurowissenschaft, die uns glauben machen wollen, wir seien nur Marionetten unserer Gehirnströme. Wirklich angemessen lässt sich von der Freiheit aber nur sprechen, wenn man die Alternative „Freiheit oder Determinismus“ überwindet zugunsten einer differenzierten Betrachtung, die Grade von Freiheit (bzw. Unfreiheit) unterscheidet. Denn niemand wird behaupten wollen, dass er mit der gleichen Notwendigkeit isst, mit der er verdaut (Fichte). Der Vortrag wird zu eruieren suchen, wodurch sich freie Akte auszeichnen, inwiefern sie in unserer Macht stehen und warum gutes Handeln mehr Freiheit verwirklicht als böses.

    P. N.

    Donnerstag, den 9. September 2004
    Prof. Dr. Gerhard Kruip (Hannover):
    Transnationale Gerechtigkeit im Spannungsfeld partikularer Kulturen, universalistischer Ansprüche und institutioneller Defizite

    Zum Vortrag:

    Je mehr sich Öffentlichkeit, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft globalisieren, um so mehr entstehen weltweite Gerechtigkeitsprobleme, die bisher gängige Gerechtigkeitsvorstellungen herausfordern. So bedarf es einer stärkeren interkulturellen Verständigung, um Gerechtigkeitsprinzipien zu entwickeln und zu begründen, die es rechtfertigen können, internationale Institutionen aufzubauen, die die zurückgehenden Möglichkeiten der Nationalstaaten, für Gerechtigkeit zu sorgen, ergänzen. Welche Chancen und welche Ressourcen gibt es für einen solchen globalen Gerechtigkeitsdiskurs, und auf welche Ergebnisse könnte er hinauslaufen?

    G. K.

    Donnerstag, den 24. Juni 2004
    Prof. Dr. Steffen Dietzsch (Berlin):
    Der Streit der Fakultäten als Text und in Königsberg. Kants Theorie und Praxis der Universität

    Zum Vortrag:

    Kants Spätwerk Der Streit der Fakultäten – gewissermaßen ein philosophisches Testament am Ende der Aufklärung – wird in doppelter Perspektive analysiert: Einmal vor dem Hintergrund langer praktischer Erfahrung Kants als Lehrer an einer preußischen Universität und zum anderen als universitätskritische Idee, die herkömmliche Fakultätsordnung neu in einer mobilen Konstellation von Vernunft und Verstand zu begreifen bzw. zu verändern.

    S. D.

    Der Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright beim Autor).

    Donnerstag, den 6. Mai 2004
    Prof. Dr. Wilhelm Schmidt-Biggemann (Berlin):
    Geschichte der Christlichen Kabbala in der Frühen Neuzeit

    Zum Vortrag:

    In der Frühen Neuzeit gab es eine ausgearbeitete und sehr einflußreiche Christliche Kabbala, die christlich-theologische Spekulation, jüdische mystisch-exegetische Traditionen und qualitative Zahlentheorien miteinander verband. Das Ziel dieser Lehre war, jüdische und christliche Theologie mit einer Philosophie, die auf der Bibel beruhte, gemeinsam zu begründen. Die wichtigsten Vertreter dieser Lehre waren Nikolaus von Kues, Giovanni Pico della Mirandola, Johannes Reuchlin, Robert Fludd, Athanasius Kircher. Der Vortrag wird versuchen, einige Grundmuster der Christlichen Kabbala vorzustellen.

    W. S.-B.

    Donnerstag, den 29. April 2004
    Dr. Heinz-Jürgen Heß (Hannover):
    Leibniz auf dem Höhepunkt seines mathematischen Ruhms

    Zum Vortrag:

    Der Beitrag behandelt das Jahrzehnt von Leibniz' Rückkehr aus Italien 1690 bis zum öffentlichen Ausbruch des Prioritätsstreits durch Fatios Plagiatsunterstellung in dessen Schrift Lineae brevissimi descensus investigatio geometrica von 1699. Sowohl die Vorgeschichte, d. i. die Erfindung der Differential- und Integralrechnung und deren ausbleibende öffentliche Resonanz als auch das Nachspiel, nämlich der Streit zwischen den kontinentalen und englischen Mathematikern um Priorität und Abhängigkeit der beiden großen Methoden der modernen Analysis, ist in der Literatur ausführlich dokumentiert.

    Es soll hier aufgezeigt werden, wie Breitenwirkung und Leistungsfähigkeit der Infinitesimalrechnung im Berichtszeitraum ausgebaut wurden, wie die Mitverfechter des leibnizschen Calculus das Geschehen zunehmend bestimmten und wie dennoch Leibniz als der ideenreiche Nestor der neuen mathematischen Methode hoch verehrt und geschätzt wurde.

    Bei diesen Erfolgen auf dem Kontinent konnte es nicht ausbleiben, dass sich die englischen Mathematiker genötigt sahen, auf die Priorität der newtonschen Fluxionsrechnung und auf eine vermutete Abhängigkeit des leibnizschen Calculus hinzuweisen. Leibniz und Newton waren im Berichtszeitraum noch bemüht, eine große öffentliche Auseinandersetzung zu vermeiden. Bald darauf mussten die Protagonisten jedoch erkennen, dass sie Opfer gesellschaftlicher bzw. wissenschaftspolitischer Zwänge geworden waren. Die folgenden Unterstellungen und gegenseitigen Beschuldigungen sollten dem öffentlichen Ansehen Leibnizens mehr schaden als dem Newtons.

    H.-J. H.

    Donnerstag, den 1. April 2004
    Dr. Günter Arnold (Weimar):
    „... der größte Mann, den Deutschland in den neueren Zeiten gehabt“ – Herders Verhältnis zu Leibniz

    Zum Vortrag:

    Herder ist als ein außerordentlich vielseitiger, anregender Schriftsteller in die Literaturgeschichte eingegangen. Weniger geschätzt wird er in der Geschichte der Philosophie – als Epigone und Popularphilosoph bzw. als philosophischer Dilettant, der wegen seiner alternativen Position zur Transzendentalphilosophie Kants in der Philosophiegeschichte in Mißkredit geraten ist. Aufgrund der neuesten Editionen, insbesondere des „Ideen“-Kommentars von Wolfgang Proß, zeichnet sich die Notwendigkeit ab, über eine neue Positionierung Herders in der Philosophiegeschichte nachzudenken, die seinen wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen geschuldet ist. Das betrifft auch die eigenständige Verarbeitung der von ihm aufgenommenen philosophischen Einflüsse. In Philosophie- wie Literaturgeschichte gilt allgemein Spinoza als Herders Favoritphilosoph. Bei genauerer Betrachtung sind die philosophischen Gesetze der Spinoza-Schrift Gott (1787) Leibnizsche Theoreme, die fast wörtlich schon in Herders Rigaer Predigten vorkommen, während seine intensiven Spinoza-Studien erst ab 1774 nachzuweisen sind. In dem Vortrag soll versucht werden, Herders Leibniz-Studien und ihren Ertrag für sein Gesamtschaffen an ausgewählten Beispielen zu charakterisieren. Herders sogenannter „Spinozismus“ gründet sich tendenziell auf eine „Leibnizianisierung“ Spinozas.

    G. A.

    Donnerstag, den 18. März 2004
    Dr. Jens Häseler (Potsdam):
    Das Verschwinden einer europäischen Illusion? Zu Kraft und Veränderung der République des lettres im 18. Jahrhundert

    Zum Vortrag:

    Die République des lettres wird gemeinhin als Idee eines über den politischen und konfessionellen Konflikten stehenden, vereinten geistigen Europa verstanden. Ist es gerechtfertigt, auch nach Leibniz und Bayle von einer europäischen République des lettres zu sprechen und wenn ja, wie läßt sie sich in ihrem Traditions- und Gegenwartsbezug bestimmen? Was haben die République des lettres und die Aufklärung gemeinsam? Das sind Fragen, denen der Vortrag anhand von typischen Publikationen (Zeitschriften und Lexika) sowie kritischen Reflexionen der Zeitgenossen nachgehen wird. Unter diesen Zeitgenossen erscheinen – wohl auch wegen des nunmehr das Latein als lingua franca ablösenden Französisch – eine Vielzahl von französischen Protestanten als Autoren, Verleger, Übersetzer und eifrige Briefschreiber in der Tradition der Humanisten.

    J. H.

    Donnerstag, den 15. Januar 2004
    PD Dr. Thomas Fuchs (Hannover):
    Grandeur, Gloire und Kritik. Zum Verhältnis von Politik und Geschichtsschreibung im 17. Jahrhundert. Ein Vergleich zwischen den Höfen in Hannover und Kassel

    Zum Vortrag:

    Geschichtsschreibung bildete in der frühen Neuzeit einen wichtigen Bestandteil der politischen Kommunikation. Eine Ursache hierfür liegt in der Traditionsorientierung der Gesellschaft und des politischen Systems im dynastischen Gedanken. Geschichte legitimierte neben der Macht das Recht; Geschichte, hohes Alter und Abstammung legitimierten Herrschaft.

    Mit der Reformation wurden neue Geschichtsbilder und neue Legitimitätshorizonte auf historischer Basis entworfen. Diese Geschichtsbilder wurden wesentlich von der protestantischen Geschichtstheologie in Anlehnung an Melanchthon geprägt. Auf der materiellen Ebene wirkte der Territorialstaat massiv auf die Produktion von Geschichte ein. Mit der zunehmenden Verdichtung des dynastischen Staates und den strukturell seit dem späten 16. Jahrhundert einsetzenden historiographieinternen Veränderungsprozessen kam es seit dem 17. Jahrhundert zu einer zunehmenden Säkularisierung der territorialstaatlichen Geschichtsprogramme. In den zunehmend verrechtlichten ‚staatlichen’ Beziehungen im Reich wurde Geschichtsschreibung zur Durchsetzung dynastischer Interessen immer wichtiger, ebenso wie zur Begründung von Standeserhöhungen, der Verleihung von Privilegien sowie der Durchsetzung von Erbansprüchen. In der Ideologie des dynastischen Fürstenstaates wurden die religiösen Herrschaftsbegründungen durch historische Argumente ergänzt.

    Der Vortrag thematisiert in vergleichender Perspektive die wichtigsten Gründe für den Aufstieg der Geschichtsforschung im fürstlichen Territorialstaat.

    T. F.

    Montag, den 8. Dezember 2003
    Dr. Heinz-Jürgen Heß / Dr. James G. O'Hara / Dr. Siegmund Probst (Hannover):
    Zwei neue Bände der Leibniz-Ausgabe

    Zum Vortrag:

    Die beiden in diesem Jahr erschienenen neuen Bände der Leibniz-Gesamtausgabe werden vorgestellt. Der Vortrag wendet sich an alle Leibniz-Interessierten und setzt keine speziellen Fachkenntnisse voraus.

    Im ersten Teil des Vortrags wird eine besonders produktive Phase (1690-1693) in Leibniz' mathematischer Tätigkeit im Spiegel seiner Korrespondenz dargestellt. Im öffentlich ausgetragenen Wettstreiten der europäischen Mathematiker geht es um die Lösung dreier berühmter Probleme, die von Jacob Bernoulli, Vincenzo Viviani und Johann Bernoulli gestellt und außer von Leibniz nur von wenigen Mathematikern gelöst werden können.

    Der zweite Teil des Vortrags wendet sich medizinischen und technischen Themen aus Leibniz' Korrespondenz zu. In Leibniz' Korrespondenz mit Ramazzini, dem Vater der Arbeitsmedizin, werden Überlegungen zu Malaria- und Typhusepidemien erörtert und ein Zusammenhang mit der Missbildung und Sterblichkeit von Säuglingen vermutet. Auf dem Gebiet der Technik wird Leibniz durch einen Korrespondenten aus Kassel über Versuche mit einem Tauchschiff informiert. Die Technik des Tauchvorganges entsprach im wesentlichen der U-Boottechnik des 20. Jahrhunderts.

    Der dritte Teil des Vortrags wendet sich am Beispiel der mathematischen Schriften (aus den Jahren 1672-1676) einzelnen Arbeitsschritten der Edition zu. Mitunter müssen von Leibniz zerschnittene und im Nachlass verstreut aufbewahrte Papierstücke zusammengefügt werden. Die Datierung der Texte kann manchmal nur mit Hilfe von Untersuchungen des Papiers (z. B. auf Wasserzeichen) durchgeführt werden. Zuletzt muss der von Leibniz oft mit eigenwilligen und spontan erfundenen Symbolen oder graphischen Besonderheiten gestaltete Text in das Layout einer Druckausgabe übergeführt werden.

    H.-J. H. / J. G. O'H. / S. P.

    Mittwoch, den 12. November 2003
    Prof. Dr. Hans Poser (Berlin):
    Harmonie im Spannungsfeld von Prigogine und Leibniz

    Zum Vortrag:

    Prigogine, der hier für alle Vertreter von Selbstorganisationstheorien steht, weitet seine in der physikalischen Chemie gewonnenen Resultate thesenhaft nicht nur auf biotische, sondern auch auf soziale Systeme aus. Gewiss ist das ein geeignetes Beschreibungsmodell, doch dass Harmonie durch Selbstorganisation zu verwirklichen wäre, ist ein Trugschluss. So lohnt sich ein Blick zurück auf Leibniz, dessen ganzes Denken von der Vorstellung einer universellen Harmonie geleitet ist. Dabei soll es nicht um die prästabilierte Harmonie gehen, sondern um unsere Verpflichtung zur Vergrößerung der Harmonie in unserem Handeln – ein Prinzip, das als Prinzip des Zusammenstimmens bei Wolff zentral werden sollte.

    H. P.

    Dienstag, den 14. Oktober 2003
    Prof. Dr. Oskar Negt (Hannover):
    Arbeit und menschliche Würde

    Zum Vortrag:

    Es geht um die Bedeutung von Arbeit für die Identitätsbildung der Menschen und für die Entwicklung einer gesellschaftlichen Realität, die einem Prozess der Selbstzerrissenheit unterliegt. Ich will die Probleme der Arbeitsgesellschaft in einem kulturellen Zusammenhang erörtern, der die Neubegründung von Verantwortungsethik einbezieht.

    O. N.

    Donnerstag, den 17. Juli 2003
    Prof. Dr. Dr. h. c. Konrad Cramer (Göttingen):
    Schleiermacher, Jacobi, Goethe und Spinoza

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag beschäftigt sich in systematischer Perspektive mit der Rezeption der Philosophie Spinozas unter dem Titel Philosophie der All-Einheit in der klassischen Periode der deutschen Literatur (Lessing und Goethe) und der an einer Kritik an der kantischen Philosophie orientierten Philosophie an der Wende zum 19. Jahrhundert (Schleiermacher und Jacobi). Dies geschieht im Ausgang von Schleiermachers berühmter Bezugnahme auf Spinoza in den Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern und soll einer Entscheidung über die Triftigkeit der Interpretation von Spinozas Ontologie als Pantheismus den Weg weisen.

    K. C.

    Donnerstag, den 26. Juni 2003
    Prof. Dr. Dirk Hoeges (Hannover):
    Wie es eigentlich gewesen - Niccolò Machiavellis „Storie fiorentine“ und die Geschichtsschreibung der Renaissance

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag gilt einem Postulat moderner Geschichtswissenschaft, das frühzeitig in ein Diktum Leopold von Rankes Eingang fand. Zu ermitteln, „wie es eigentlich gewesen“, sei die Aufgabe des Historikers. In welcher Weise damit einer Reduzierung der Perspektiven und Aufgaben des Historikers und der Geschichtswissenschaft Vorschub geleistet und einer selbstgenügsamen Reduktion und Stilisierung zum Nachteil der Zunft das Wort geredet wird, steht im Zentrum der Überlegungen und Betrachtungen zum Thema.

    D. H.

    Donnerstag, den 15. Mai 2003
    Prof. Dr. Marcelo Dascal (Tel Aviv / Leipzig):
    Ein unbekannter Rationalist aus Leipzig

    Zum Vortrag:

    Pacidius Philalethes oder Theophilus oder Guilielmus Pacidius - um einige der Pseudonyme zu benennen, die er nutzte - stammte ursprünglich aus Leipzig, wo er als Gottfried Wilhelm Leibniz getauft worden war. Er studierte in Leipzig, verließ aber die Stadt, in der seine Familie weiterhin lebte, als ihm die Promotion an der Universität zunächst verwehrt blieb und wurde ein bekannter und einflussreicher Denker. Die Philosophiegeschichte ordnet ihn traditionell dem Rationalismus zu, Art und Rahmen dieses Rationalismus sind jedoch im Lauf der Zeit aufgrund der Wechselfälle in Auswahl und Publikation seiner noch immer nur unvollständig veröffentlichten Manuskripte unterschiedlich bewertet worden. Im Licht der Fortschritte der Kritischen Ausgabe seiner Schriften und Briefe zeichnet sich nun ein bislang nicht gesehenes und erstaunliches Bild der Auffassung des Leipziger Philosophen von der Rationalität ab, das verschiedene Aspekte seines Denkens neu beleuchtet.

    M. D.

    Donnerstag, den 8. Mai 2003
    Prof. Dr. Helmut Pfeiffer (Hannover):
    Der ontologische Gottesbeweis. Von Anselm über Descartes und Leibniz bis Gödel

    Zum Vortrag:

    Seit vielen Jahrhunderten versuchen denkende Menschen, ihren Glauben an ein göttliches Wesen durch verstandesmäßige Argumente zu unterstützen. Diese Bemühungen reichen von Aristoteles bis Kant. Der so genannte ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, der aus der Idee eines göttlichen Wesens auf seine Existenz schließt, wurde von Descartes der mathematischen Methode unterworfen. Leibniz ergänzte Descartes' unvollständige Schlusskette. Gödel, einer der bedeutendsten Logiker des vorigen Jahrhunderts, untersuchte die logische Struktur der Vorgehensweise von Anselm, Descartes und Leibniz. Nach eigenem Bekunden wollte er nicht den Gottesbeweis auf eine sichere Grundlage stellen - ihm ging es um das logische System, in dem der Beweis geführt wird.

    H. P.

    Donnerstag, den 10. April 2003
    Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Korff (Hannover):
    „Kritik der reinen Vernunft“, Goethe und „Werthers“ Lotte

    Zum Vortrag:

    „Kritik der reinen Vernunft“, Goethe und „Werthers“ Lotte - was haben diese drei Titel gemeinsam?

    Die Dinge stehen durchaus nicht in jenem Licht, das wir auf sie zu werfen gewohnt sind. Als Goethe alias „Werther“ die 19jährige Charlotte Buff zum ersten Mal sieht und die Szene im Werther festhält, vermeint er eine Idylle zu erblicken, wo in Wirklichkeit eine Notsituation vorliegt. Eine Situation zu verkennen, indem man sie literarisch verwertet, bedeutet Wünschbarkeiten in die Wirklichkeit zu bringen, nicht anders, wie es auch Leibniz in seiner Theodizee versucht, und damit anstelle der Einsicht und auch Einfühlung „dialektischen Schein“ zu erzeugen. Auch die Menschen stehen durchaus nicht in dem Licht, das wir auf sie zu richten gewohnt sind.

    Mit diesem Problem beschäftigt sich Kant im Zweiten Hauptstück der Kritik der reinen Vernunft, als er die antinomische Struktur reiner Vernunfturteile untersucht und die Ursache der Fehler in der Einschätzung einer Situation in drei Schlüssen analog zur Kategorie der Modalität aufdeckt: Im kategorischen, hypothetischen und disjunktiven Vernunftschluss, den er drastisch „Euthanasie der reinen Vernunft“ (KdrV B 434 Z. 25) nennt.

    Mein Vortrag könnte auch folgenden Titel tragen: Zur Erkennbarkeit der Situation / Über die unverhoffte Aktualität ästhetischer Analyse durch die „Kritik der reinen Vernunft“.

    F. W. K.

    Donnerstag, den 27. Februar 2003
    Catherine Atkinson (Hannover):
    Von Steuerschulden, Pesttoten und anderen Kalamitäten: Das Tagebuch des Bernardo Machiavelli im Quattrocento Florenz

    Zum Vortrag:

    Beim Stichwort Quattrocento Florenz fallen uns illustre Namen wie Lorenzo de' Medici, Ficino, Brunelleschi und Botticelli ein. Aber wie lebte der Mann auf der Straße im fünfzehnten Jahrhundert, in Tuchfühlung mit den Mächtigen und Kulturschaffenden dieser Weltstadt? Wenn die ricordanze, die Tagebücher dieser Epoche, einer mikrohistorischen und philologischen Analyse unterzogen werden, geben sie aufschlussreichen Einblick in die Mentalität des florentinischen Bürgers.

    Eine besondere Stellung unter den ricordanze nimmt das Tagebuch des Bernardo Machiavelli ein, Vater des Politikers und Humanisten Niccolò Machiavelli. Juristisch Gebildeter, Gutsbesitzer und Buchliebhaber, ist Machiavelli beredter Zeuge des florentinischen Alltags, wenn auch kein Schwätzer wie der sensationsgierige Diario-Schreiber Luca Landucci. Hat man Machiavellis oft kryptische Eintragungen mit ihrer Fachterminologie und dem zeittypischen Jargon dechiffriert, geben sie den Blick frei auf einen neuen urbanen Lebensrhythmus, geprägt von Zeit- und Geldbewusstsein. Die nächste Pestepidemie, die Machiavelli mühsam überlebt, vermag diesen Rhythmus nur vorübergehend zu stören.

    In Machiavellis Händen gehört das Tagebuch zum mentalen Rüstzeug des um die Zukunft besorgten, stets beschäftigten paterfamilias. Umgeben von gewieften, streitlustigen Florentinern, die einen Mitbürger nur zu gern über den Tisch ziehen, nutzt er sein Tagebuch als Experimentierfeld, auf dem Konflikte ausgetragen und Möglichkeiten des Konsenses ausgelotet werden.

    C. A.

    Freitag, den 15. November 2002
    Prof. Dr. Klaus Erich Kaehler (Köln):
    Philosophisches Ende der Kunst und ästhetische Autonomie. Die Herausforderung der philosophischen Ästhetik durch die ästhetische Moderne

    Zum Vortrag:

    Die ästhetische Moderne nötigt die philosophische Reflexion von Kunst zur radikalen Selbstkritik und Selbstüberschreitung. Eine solche negative Selbstbezüglichkeit liegt der philosophischen Ästhetik jedoch von Anfang an zugrunde. Ihr philosophischer Höhepunkt in der Ästhetik Hegels macht diese innere, wesentliche Krise gerade erst völlig offenbar, indem er sie nämlich auf grandios-einseitige Weise zur Entscheidung bringt.

    K. E. K.

    Donnerstag, den 12. September 2002
    Prof. Dr. Ernst R. Sandvoss (St. Ingbert):
    Vom homo sapiens zum homo „spaciens“. Philosophische Implikationen der Raumfahrt

    Zum Vortrag:

    Nach einem kurzen Rückblick auf die Anfänge der Raumfahrt sollen aus philosophischer Sicht gegenwärtige Tendenzen und zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten der Raumfahrt dargelegt und ihre Rückwirkungen auf die Weiterentwicklung des Menschen erörtert werden, wobei der Begriff homo spaciens keine Neuformulierung des Vortragenden ist, sondern aus Frank Whites vielbeachtetem Buch Der Overview Effect übernommen wurde.

    E. R. S.

    Dienstag, den 18. Juni 2002
    Dr. Gad Freudenthal (Paris):
    Von Spanien über Polen nach Berlin: Die mittelalterliche hebräische Wissenschaft in der Berliner jüdischen Aufklärung

    Zum Vortrag:

    Seit dem 12. Jahrhundert haben sich jüdische Intellektuelle in Spanien und der Provence die großen Schätze der griechisch-arabischen Wissenschaften und Philosophie angeeignet. Dieser Prozess der kulturellen Übertragung bekam einen enormen Anschub durch die religiöse Legitimierung wissenschaftlicher Studien durch Moses Maimonides (ca. 1135-1204) und soll in der ersten Hälfte des Vortrags geschildert werden. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) ließ die Beschäftigung mit den Wissenschaften nach, und Juden wandten sich vor allem dem Studium des Talmuds und der Kabbalah zu. Als jedoch gewisse jüdische Kreise seit dem frühen 18. Jahrhundert in Osteuropa das Studium der modernen Wissenschaften befördern wollten, geschah dies durch die Wiederveröffentlichung mittelalterlicher wissenschaftlicher und philosophischer Texte, die mit eigenen Kommentaren nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen versehen wurden. Zu den ersten Kommentatoren zählte Rabbi Israel von Zamosc (1700-1773), der zwischen 1741 und 1765 in Berlin wirkte und dessen Leben und Werk im zweiten Teil des Vortrags beschrieben werden soll. Im Gegensatz also zur europäischen christlichen Aufklärung, die einen Krieg gegen die mittelalterliche Wissenschaft führte (Francis Bacon, Descartes), benutzte die jüdische Aufklärung (Haskalah) gerade die mittelalterliche jüdische Literatur, um ihre eigenen rationalistischen Positionen zu rechtfertigen.

    G. F.

    Donnerstag, den 13. Juni 2002
    Dr. Stephen Johnston (Oxford):
    Ignorance is bliss? Becoming a Copernican in Renaissance England

    Zum Vortrag:

    How and why did people come to accept Copernicus when there no universally agreed empirical support for heliocentrism? I want to investigate the extent to which being a bit 'ignorant' (of Renaissance philosophy and learning) helped in this process. Was it easier for artisans and practitioners to accept Copernicus than scholars?

    S. J.

    Donnerstag, den 6. Juni 2002
    Prof. Dr. Georg Meggle (Leipzig):
    Terror und Gegen-Terror: Erste ethische Reflexionen

    Zum Vortrag:

    Was ist Terrorismus? Was muss jemand tun oder planen, damit er zu Recht als Terrorist gilt? Kann man Terroristische Aktionen verstehen? Oder handelt, wer terroristisch agiert, per se irrational? Was ist es an Terroristischen Akten, was sie, wie es heißt: „für uns alle“ so verwerflich macht? Ist Terrorismus etwas an sich Böses? Oder sind Fälle zumindest denkbar, in denen terroristisches Handeln rechtfertigbar wäre? Und schließlich: Ist im Kampf gegen den Terrorismus alles erlaubt? Auch Gegen-Terror? Auch Kriege?

    Das sind die Fragen, die ich stelle; und auf diese Fragen werde ich auch eine Antwort geben.

    G. M.

    Donnerstag, den 30. Mai 2002
    PD Dr. Hans Pfefferer-Wolf (Hannover):
    Wie sozial ist die Sozialpsychiatrie?

    Zum Vortrag:

    Die Frage nach dem Sozialen ist in unserer Gesellschaft - und nicht nur in der unseren - seit geraumer Zeit prekär. Dies hat sich als problematisch erwiesen für eine Psychiatrie, die sich als soziale versteht. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich in unserem Land, wie auch in anderen europäischen Ländern, eine Reform der Psychiatrie entwickelt, die unterschiedlich weit gedeihen konnte.

    Auf dem Hintergrund der problematischen Frage nach dem Sozialen wird die gegenwärtige Gestalt und Perspektive der Sozialpsychiatrie erörtert. Und dies zumal hier in Hannover, das in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eines der Zentren der Psychiatriereform darstellte.

    H. P.-W.

    Donnerstag, den 28. März 2002
    Prof. Dr. Dr. Franz Schupp (Paderborn):
    Logik und Koran in der islamischen Kultur des Mittelalters

    Zum Vortrag:

    Bei der gegenwärtigen Problematik der Verhältnisbestimmung der sog. „westlichen Welt“ zur sog. „islamischen Welt“ wird zu wenig die historische Dimension berücksichtigt. Die Wurzeln der aktuellen Problematik gehen jedoch jedenfalls bis in das 13./14. Jahrhundert zurück, und ohne ein Verständnis dieser Wurzeln ist auch die aktuelle Situation nicht adäquat begreifbar. Vom 9.-12. Jahrhundert stand die islamische Kultur unter prägendem Einfluss der griechischen Logik und Wissenschaft, was eine Verhältnisbestimmung dieser Bereiche zu den Lehren des Korans erforderte. Dies führte zu durchaus positiven, aber auch gelegentlich problematischen Lösungsvorschlägen, die auch gesellschaftliche und politische Konsequenzen hatten. Dies soll an einigen Beispielen gezeigt werden, es soll aber auch gefragt werden, was das Ende dieser griechisch-islamischen Kultur - die damals die führende Kultur der Welt darstellte - verursacht hat.

    F. S.

    Dienstag, den 29. Januar 2002
    Prof. Dr. Arnold Ganser (Hannover):
    Die neue niederländische Sterbehilfe-Gesetzgebung - Vorbild für Deutschland?

    Zum Vortrag:

    Es werden rechtliche und standesrechtliche Aspekte zur aktiven, passiven und indirekten Sterbehilfe thematisiert. Durch die Erfolge der Medizin sind Ängste vor einer menschenunwürdigen gewaltsamen Lebensverlängerung geweckt worden, die den Wunsch nach Selbstbestimmung bis hin zum Recht auf die Bestimmung des eigenen Todeszeitpunkts motivieren. Die heutige Situation ist durch den Abschied von der paternalistischen Arzt-Patienten-Beziehung gekennzeichnet, der autonome Wille des Patienten darf jedoch nicht dazu führen, dass dem Arzt ein Handeln gegen seine eigene Selbstbestimmung abverlangt wird: Der Patientenwille darf vom Arzt keine rechtswidrigen Handlungen einfordern oder ihn zu einem Handeln gegen die eigene Moral verleiten wollen - im Konfliktfall hätte der Arzt hier den Patienten an einen Kollegen abzugeben; beim nicht einwilligungsfähigen Patienten entscheidet der mutmaßliche Wille, besser aber die Patientenverfügung.

    Ca. 80 % der Patienten, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen, leiden an Krebserkrankungen - in den Niederlanden waren 1995 ca. 3200 Fälle aktiver Sterbehilfe (davon ca. 900 ohne Äußerung des Patienten) und ca. 400 Fälle von ärztlich unterstützter Selbsttötung (physician's assisted suicide) bekannt. Die Höhe des Anteils an Tumorpatienten und die Häufigkeit der nicht freiwilligen Euthanasie sind nach Auffassung des Referenten Ausdruck nicht ausreichender palliativmedizinischer Möglichkeiten. Es bleibt auch zu konstatieren, dass die Bereitschaft eines Arztes zur aktiven Sterbehilfe von seiner Weltanschauung abhängt.

    In Deutschland bestehen seit 1988 Richtlinien der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung, die dem Patienten ein Leben und Sterben in Würde ermöglichen. Sie helfen bei der Entscheidungsfindung, ohne dem Arzt die Entscheidung in einer konkreten Situation abzunehmen - die Richtlinien lehnen eine aktive Sterbehilfe eindeutig ab und thematisieren das Recht des Patienten auf Behandlung, Pflege und Zuwendung, das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein, die Verpflichtung zur wahrheitsgemäßen Unterrichtung des Patienten sowie die Berücksichtigung des Patientenwillens bzw. des mutmaßlichen Patientenwillens.

    Antwort auf die Euthanasiefrage liefert nach Auffassung des Referenten die Palliativmedizin, d. h. die (Lehre der) Behandlung von Patienten mit einer nicht heilbaren, weit fortgeschrittenen und fortschreitenden Erkrankung mit dem Hauptziel der Verbesserung der Lebensqualität. Die Palliativmedizin ist eng mit der Hospizbewegung verbunden und als Lebenshilfe anzusehen: Sie sollte die Frage nach Euthanasie überflüssig werden lassen.

    A. G.

    Donnerstag, den 6. Dezember 2001
    PD Dr. Marin Trenk (Hannover):
    Ein „weißer Indianer“: Der Frühaufklärer und Sozialutopist Christian Gottlieb Priber bei den Cherokee.

    Zum Vortrag:

    In der Kolonialgeschichte Nordamerikas haben viele Europäer die Lebensweise der Ureinwohner übernommen und sind „weiße Indianer“ geworden. Der vergessene deutsche Jurist und Frühaufklärer Christian Gottlieb Priber (1697-1745) war einer der faszinierendsten unter diesen Zivilisationsflüchtlingen. Priber mußte Sachsen verlassen und fand Asyl bei den Cherokee. Er führte das Leben eines kulturellen Überläufers, verfaßte eine Sozialutopie (Das Königreich Paradies) und machte sich an ihre Verwirklichung. Aber die unzeitgemäßen Grundsätze seines Projekts - Gemeinbesitz, gleiche Rechte für Männer und Frauen, Gleichheit aller Menschen, ob Weiß, Rot oder Schwarz, Zuflucht für entlaufene Sklaven, Vereinigung aller indianischen Völker - trugen ihm die Feindschaft der britischen Kolonisatoren ein. Der Vortrag will einen Überblick über die historische Erscheinung „weiße Indianer“ geben und das Leben und Werk des wahrscheinlich einzigen Utopisten rekonstruieren, der eine ideale gesellschaftliche Ordnung unter dem unmittelbaren Eindruck einer außereuropäischen Kultur entwickelt hat.

    M. T.

    Freitag, den 16. November 2001
    Prof. Dr. André Robinet (Orchaise):
    Géopolitique et Cosmopolitique dans l'oeuvre de Leibniz

    Zum Vortrag:

    Parmi les données de A VI, 4, une occurrence de «Cosmopolitica» apparaît dans l'apparat critique si complexe que la très belle édition de M. Schepers nous fait connaître. Est-ce à dire que Leibniz aurait établi les bases d'une «cosmopolitique» avant Kant, à qui nous attribuons ordinairement l'origine lexicale et conceptuelle de ce terme. Mais s'agit-t-il bien d'un même concept? N'y a-t-il pas une interférence entre géopolitique, cosmopolitique et théopolitique qu'il faudrait éclaircir sémiotiquement, sémantiquement et doctrinalement? André Robinet nous fera part des lignes principales de ses interventions récentes dans les colloques leibniziens, aussi bien que du livre qui paraît sur ce sujet de la «cosmopolitique» leibnizienne.

    A. R.

    Freitag, den 16. November 2001
    Prof. Dr. Hans Poser (Berlin):
    Eselsbrücken. Zwischen Bilderwelten und Weltbildern

    Zum Vortrag:

    Eselsbrücken sind in Vergessenheit geraten; dabei dienten sie zur bildlichen Darstellung logischer Beziehungen. Ausgehend von einer Abbildung aus dem Jahre 1514 sollen mehrere Illustrationen zur Logik - scheinbar eine spröde Angelegenheit - von formalen Darstellungen über bildhafte Wiedergaben von der Renaissance bis in das 18. Jahrhundert in ihrem Weltbildcharakter beleuchtet werden.

    H. P.

    Donnerstag, den 25. Oktober 2001
    Prof. Dr. Dr. h. c. Gerd-Günther Grau (Hamburg):
    Skepsis, Glaube und Humor - Wilhelm Busch: Von Schopenhauer zu Kohelet

    Zum Vortrag:

    Dass der Humor eine ernste Angelegenheit ist, weiss jeder, der ihn hat. Der dänische Theologe Sören Kierkegaard sieht in ihm das „Inkognito des Religiösen“. Durchweg sind es Skeptiker, die sich in den Humor vor dem wohlverspürten Anspruch des Religiösen zurückziehen, dem sie sich nicht gewachsen fühlen: von Jean Paul über Heine bis zu Wilhelm Busch, den eine „philosophische Erkältung“ daran hindert, das „Boot des Glaubens“ zu besteigen, das ihn zum „andern Ufer des Stroms“ bringen würde, an dem der heilige Augustinus auf ihn wartet (Brief an den Dirigenten Hermann Levi).

    Der Humor lässt also die Idee an der Wirklichkeit scheitern, das macht seinen Pessimismus aus; aber er gibt die Idee nicht auf, die ihn die Wirklichkeit ertragen lässt - darin liegt seine verborgene Religiösität.

    Bei Wilhelm Busch lassen sich beide Komponenten des Humors aufzeigen - in den (bisher vornehmlich betonten) Anklängen an Schopenhauer wie in den (kaum beachteten) Parallelen zum Verfasser des Prediger Salomo (Kohelet).

    G.-G. G.

    Donnerstag, den 20. September 2001
    Prof. Dr. Johanna Geyer-Kordesch (Glasgow):
    Brücken ins Phantastische: Landschaftsgärten, Neoklassizismus und der Blick in die Ferne

    Zum Vortrag:

    In diesem Vortrag versuche ich die Naturgestaltung im Landschaftsgarten mit der Herstellung einer verzauberten Welt, sei sie mit den Göttern der Antike oder der Bewunderung ferner Länder verbunden, zu vereinen. Die Anregung zum Träumen und zur Entgrenzung der Alltagswelt, markiert durch Kahnfahrten, Wassernymphen, Tempelbauten und die Sehnsucht nach Elysium, entbindet die Phantasie, die gleiche menschliche Fähigkeit, die auch in der Erzählung und im Märchen neue Welten erschließt und den Menschen eine spielerische Freiheit ermöglicht. Der Garten und das Märchenhafte waren wichtige Orte das Gleichgewicht wiederzugewinnen, das dem Rationalismus und dem Utilitarismus der Aufklärung abhanden gekommen war. Ich möchte einen Bogen ziehen von der Freude an der Natur und dem Zauber des Landschaftsgartens über die Lust an der Antike (Neoklassizismus) bis zum genius loci in der Landschaftsmalerei (hauptsächlich J. W. Turner).

    J. G.-K.

    Donnerstag, den 19. Juli 2001
    Prof. Dr. Warren Breckman (Philadelphia):
    Die Entthronung des Selbst: Marx, die Junghegelianer und der Streit um den Begriff der Persönlichkeit

    Zum Vortrag:

    „[...] so gilt es jetzt, sozusagen, ein Reich zu stiften, das Reich der Idee, des sich in allem Dasein schauenden und seiner selbst bewußten Gedankens, und das Ich, das Selbst überhaupt, das, seit Anfang der christlichen Ära besonders, die Welt beherrscht hat und sich als den einzigen Geist, der ist, erfaßt hat und als absoluten, den wahren absoluten und objektiven Geist verdrängenden Geist geltend machte, von seinem Herrscherthron zu stoßen [...]“, schrieb Ludwig Feuerbach im Jahre 1828 in einem kühnen Brief an Hegel. Feuerbachs Kriegserklärung gegen die christliche Auffassung des Selbst, verfaßt im Namen des „Reichs der Idee“, antizipierte einen Konflikt zwischen dem sich formierenden Linkshegelianertum der 1830er Jahre und der christlich geprägten Kultur des Preußischen Staates, der im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen beiden Kräften stehen sollte. Der von Feuerbach vorweggenommene Konflikt setzte dem Modell des Selbst, wie es die christliche Doktrin der Inkarnation implizierte, die junghegelianische Idee eines kollektiven menschlichen Gattungswesens entgegen. Zugleich verstand sich die junghegelianische Idee einer menschlichen Gemeinschaft als Angriff auf die politische Theologie der Restauration und deren Bemühen, die persönliche Souveränität des Monarchen wieder zu sakralisieren, d. h. das königliche „Selbst“ auf dessen Thron zu setzen. Der Vortrag untersucht die Verschmelzung von Politik und Theologie in den Debatten über „Persönlichkeit“, einer der entscheidenden Fragen in den 1830er Jahren, die das Lager der Hegelianer von dessen Gegnern und, vor allem nach dem Erscheinen von Strauß' Das Leben Jesu, die Rechtshegelianer von den Linkshegelianern trennte. Wie gezeigt werden wird, stellte das intensive Interesse an dem Konzept der „Inkarnation“ sowohl in seiner theologischen wie seiner politischen Form eine Nachwirkung der Französischen Revolution dar, d. h. des demokratischen Umsturzes des Prinzips der Verkörperung politischer Herrschaft. Karl Marx, Ludwig Feuerbach, Arnold Ruge und andere Linkshegelianer strebten danach, sich das demokratische Prinzip einer unpersönlichen, d. h. körperlosen Herrschaft zu eigen zu machen, wobei sie jedoch mit der steten Versuchung konfrontiert waren, die demokratischen Gewalten erneut in eine Form von Inkarnation zu gießen. Von dieser Beobachtung ausgehend schließt der Vortrag mit einer Reflexion zweier nachfolgender, von Marx und Feuerbach angedachter Wege: während das Marxsche Modell sich in Richtung einer Metasubjektivität des Proletariats entwickelte, zielte Feuerbachs Nachdenken auf eine Neukonzeptionalisierung des Konzepts der Verkörperung ab.

    W. B.

    Donnerstag, den 28. Juni 2001
    Prof. Dr. Renate Wahsner (Berlin):
    Der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Negativen. Bemerkungen zu einer Theorie der Dialektik

    Zum Vortrag:

    In der Vorrede zur Phänomenologie schreibt Hegel: „Das Leben Gottes und das göttliche Erkennen mag also wohl als ein Spielen der Liebe mit sich selbst ausgesprochen werden; diese Idee sinkt zur Erbaulichkeit und selbst zur Fadheit herab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Negativen fehlt“ [3/24].

    Der Vortrag will deutlich machen, dass diese Stufe des Negativen, des Auseinander auch in der philosophischen Behandlung der Wissenschaften ernstgenommen werden muss. Er wendet sich gegen Konzepte von Dialektik, die nicht schnell genug zur sogenannten dialektischen Einheit kommen können, zum vermeintlichen Gesamtzusammenhang, die eine Dialektisierung der Wissenschaften anstreben, die zwar akzeptieren, dass die Fachwissenschaften einen anderen Status haben als ein philosophisches System, darin aber ihren Mangel sehen, der möglichst schnell beseitigt werden muss.

    Wenn Dialektik aber als Aufhebung der Isolierung begriffen wird, dann wird sie verschieden sein, je nachdem, wie die Isolierung beschaffen ist, die aufgehoben wird. Hieraus folgt, dass aus philosophischem Interesse, und zwar aus allgemein-philosophischem, nicht lediglich wissenschaftstheoretischem Interesse, der Charakter oder Status der Fachwissenschaften sehr gründlich analysiert (er ist uns noch keineswegs hinreichend bekannt) und gewürdigt werden muss, dass das Stadium der Isolierung, das die Fachwissenschaften reprä:sentieren, ernstgenommen werden muss.

    Sowohl Kant als auch Hegel, beide hielten - wenn auch nach unterschiedlichen Prinzipien - eine Untersuchung der Naturwissenschaft für erforderlich, um die philosophischen (in gewissem Sinne könnte man auch sagen: die metaphysischen) Fragen, die sie quälten, beantworten zu können. Heutige Bemühungen um eine Theorie der Dialektik sollten nicht leichtfertig diese Notwendigkeit übergehen.

    R. W.

    Donnerstag, den 10. Mai 2001
    Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Erwin Stein (Hannover):
    Die Entwicklung der Optimierung und Variationsrechnung von Newton bis Lagrange

    Zum Vortrag:

    Die Lösung von Optimierungsproblemen der Mechanik und Mathematik begann im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts mit der von Isaac Newton im Jahre 1687 in den Principia beschriebenen Rotationsfläche kleinsten Widerstandes in einem Strömungsfeld sowie dem von Johann Bernoulli im Jahre 1696 gestellten Brachistochronenproblem (gesucht ist die Bahnkurve mit der kürzesten Zeit für eine reibungslos herabgleitende Punktmasse), das von den bedeutendsten Forschern dieser Zeit entschlüsselt und dessen Lösung im Jahre 1697 veröffentlicht wurde. Besonders ideenreich ist hier die geometrische Lösung von Gottfried Wilhelm Leibniz. Voraussetzung für die Lösung solcher Optimierungsprobleme war die von Newton und Leibniz erfundene Differential- und Integralrechnung.

    Im 18. Jahrhundert spielte das Prinzip des kleinsten Zwanges (nach Euler (1744), Maupertuis (1740, 1753) u. a.) mit verschiedenen Anwendungen eine wichtige Rolle.

    Im Jahre 1744 veröffentlichte Leonhard Euler seine Theorie der Variationsrechnung mit Hilfe geometrischer Grundüberlegungen, die zur Eulerschen Differentialgleichung für die Extremale eindimensionaler Probleme führt.

    Joseph Louis de Lagrange gelingt auf analytische Weise mit der Einbettung der Extremale in eine Schar von zulässigen Testfunktionen ein erster Abschluss der Variationsrechnung. Sein zweibändiges Werk Mécanique Analytique aus dem Jahre 1788 enthält die umfassende Anwendung auf die Elastodynamik bewegter elastischer Körper.

    Als grundlegende Folgerungen dieser Entwicklung werden von Lejeune Dirichlet und William Rowan Hamilton im 19. Jahrhundert die energetischen Extremalprinzipe der Elastostatik und Elastdynamik formuliert, die Höhepunkte der in der Zeit der Aufklärung entstandenen klassischen Physik sind.

    E. S.

    Mittwoch, den 25. April 2001
    Prof. Dr. Edo Pivčević (Oxford):
    Macht soziale Gleichheit einen Sinn?

    Zum Vortrag:

    Ist soziale Gleichheit moralisch verbindlich? Hat sie einen moralischen Wert? Wie immer sie interpretiert wird (als Gleichheit vor dem Gesetz, Chancengleichheit usw.), sie braucht eine Begründung - und eine Begründung ist schwerer zu finden als es zunächst scheinen mag: Das Problem wird im Hinblick auf Kant und einige moderne Theorien der Gerechtigkeit untersucht.

    E. P.

    Donnerstag, den 8. Februar 2001
    Prof. Dr. Michael Wolff (Bielefeld):
    Die Reinheit der reinen Logik: Kant und Frege

    Zum Vortrag:

    Gottlob Frege (1848-1925) hat mit seiner Begriffsschrift von 1879 die moderne mathematische Logik begründet. Frege nahm an, aus den Prinzipien des logischen Systems der Begriffsschrift könnten alle Regeln der durch Aristoteles begründeten Syllogistik deduktiv hergeleitet werden. Auf dieser Annahme beruht die Ansicht, die moderne mathematische Logik enthalte die Syllogistik als spezielles Teilgebiet, und so wie Einstein die Physik revolutioniert habe durch den Nachweis, dass die Newtonsche Mechanik aus den Gesetzen der Relativitätstheorie folgt, habe Frege die Logik revolutioniert. - Der Vortrag Die Reinheit der reinen Logik: Kant und Frege soll zeigen, dass Freges Annahme abhängt von der (mehr als fragwürdigen) Voraussetzung, dass die mathematische Logik in demselben Sinne als reine Logik gelten dürfe wie die Syllogistik.

    M. W.

    Dienstag, den 16. Januar 2001
    Prof. Dr. Armin von Bogdandy (Frankfurt am Main):
    Gubernative Rechtsetzung - Sündenfall oder Zukunftsmodell?

    Zum Vortrag:

    Die Rechtsetzung ist in der Bundesrepublik wie in den meisten europäischen Staaten exekutiv oder besser: gubernativ beherrscht. Dem Parlament kommt bei der inhaltlichen Gestaltung des Rechts nur noch eine nachgeordnete Stellung zu. Nach der ganz herrschenden Lehre handelt es sich hierbei um eine Fehlentwicklung. In meinem Vortrag werde ich hingegen versuchen zu zeigen, dass es sich hierbei im Grunde um eine sinnvolle und verfassungsrechtlich zulässige Anpassungsstrategie an ein schwieriges gesellschaftliches Umfeld handelt, wenn eine Reihe von Voraussetzungen beachtet wird.

    A. v. B.

    Donnerstag, den 7. Dezember 2000
    Volker Wittich (Blankenburg):
    Der Baumeister der Braunschweiger Herzöge Hermann Korb und seine Schlossanlagen in Salzdahlum bei Braunschweig, Hundisburg bei Helmstedt und Blankenburg/Harz

    Zum Vortrag:

    Der Referent hat bis 1975 im Südflügel der Schlossanlage Hundisburg gewohnt und so ein frühes Interesse an Schlossanlagen gefunden, welches durch das spätere Studium der Gartenarchitektur noch gefördert wurde - seit 1982 wohnt er (mit Unterbrechungen) in Blankenburg im Harz, betreibt intensive Vergleichsstudien zwischen den Schlossanlagen in Hundisburg und Blankenburg und hat sich insofern auch auf die Spuren von Leben und Werk des Baumeisters Hermann Korb (1656-1735) begeben, mit dem er sich auseinandersetzt: Anlässlich dessen 265. Todestages am 23. Dezember 2000 werden die drei ausgewählten Schlossanlagen (Salzdahlum, Hundisburg und Blankenburg) zum besseren Verständnis der Vorgehensweise des Erbauers in einem Folienvortrag (ca. 40 Folien) vorgestellt.

    V. W.

    Freitag, den 17. November 2000
    Prof. Dr. Heinrich Schepers (Münster):
    Der junge Leibniz auf den Spuren der Logik der Stoa

    Zum Vortrag:

    In seiner systematischen Behandlung der juristischen Lehre von den Bedingungen bewies der junge Leibniz ein erstaunliches Geschick beim Aufspüren logischer Regeln im Wust der Fallentscheidungen der römischen Rechtsquellen. Lobend nennt er die römischen Juristen Schüler der Stoiker, was wir heute, gestützt auf die moderne mathematische Logik, bestätigen können. Der Vortrag versucht diese Leistung an markanten Beispielen deutlich werden zu lassen.

    H. S.

    Donnerstag, den 2. November 2000
    Prof. Dr. Jörg Drews (Bielefeld):
    Ein kleiner Dichter und ein großer Kritiker. Der Hannoveraner Werner Kraft in Deutschland und in Jerusalem

    Zum Vortrag:

    Wer war Werner Kraft? Sieben der Bücher des Philologen und Kritikers, des Dichters und des Weisen sind im Buchhandel zu haben - dahinter aber steht ein reiches und bescheidenes Leben im Dienste der deutschen Sprache und des deutschen Geistes, an denen Werner Kraft auch in den fast sechzig Jahren festhielt, in denen er von 1934 bis 1991 in Palästina/Israel lebte. Der Vortragende entwirft ein Porträt dieses Hannoveranischen Bibliothekars, den die Zeitläufte in den Nahen Osten verschlugen und der ein deutscher Schriftsteller blieb.

    J. D.

    Donnerstag, den 12. Oktober 2000
    Prof. Dr. Constanze Peres (Dresden):
    Schönheit

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag versucht zu einer neuen Grundlegung des Begriffs der Schönheit zu kommen. Danach ist sie die allgemeinste, grundlegende und unhintergehbare ontosemantische Wertkonstellation des Ästhetischen. Diese Konstellation ist semantisch, sofern sie notwendig in Urteilen des Typs x ist schön symbolisiert wird. Sie ist eine ontische Konstellation, sofern sich im Schönheitsurteil überhaupt erst die Wertkonstellation zwischen dem Beurteilten und der beurteilenden Instanz konstituiert. Die Konstitution des (Sach)Verhaltes Schönheit kann auf Seiten ästhetischer Kognition näher als eine in der Beurteilung zustandekommende Spannung zwischen Affirmation und Irritation charakterisiert werden. Dies ist jedoch nicht subjekttheoretisch zu verstehen, denn an der ästhetischen Wertkonstellation ist dasjenige, was als schön beurteilt wird, ebenso konstitutiv beteiligt wie die wertende Instanz.

    C. P.

    Die Referentin hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier im doc-Format (Copyright bei der Autorin).

    Donnerstag, den 7. September 2000
    PD Dr. Wenchao Li (Berlin):
    Gottesbilder - Gedanken über Christentum, Konfuzianismus und Buddhismus

    Zum Vortrag:

    Aus christlicher Perspektive wurden seit Jahrtausenden Menschen in Christen und Heiden unterteilt: Begriffe wie Atheismus, Idolatrie und Götzendienst haben die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen geprägt. Anhand des buddhistischen und des konfuzianischen Menschenbildes und der dahinter stehenden Gottesbilder wird im Vortrag gezeigt, dass derartige Begriffe überholt und nicht mehr geeignet sind, interkulturelle und interreligiöse Dialoge sinnvoll zu gestalten. Vielmehr sind es rituelle Etiketten, die die Religionen voneinander unterscheiden, während im moralischen und metaphysischen Bereich Gemeinsamkeiten vorherrschen.

    W. L.

    Donnerstag, den 22. Juni 2000
    Prof. Dr. Uwe Pörksen (Freiburg):
    Haben die Deutschen ihre Sprache seit jeher vernachlässigt? Über die staatsunabhängige Herausbildung einer deutschen Gemeinsprache

    Zum Vortrag:

    Die Klage darüber, dass wir unsere Sprache vernachlässigen, ist vermutlich so alt wie das Bewusstsein, eine nationale Sprache zu haben. Ist sie gegenwärtig besonders begründet? Es lohnt, in die Geschichte zurückzublicken:

    Die deutsche Gemeinsprache wurde herausgebildet, lange bevor es einen deutschen Staat und den Willen zu einer nationalen Staatsbildung gab. Wir waren eine Kulturnation, mit einer Kultursprache Deutsch. Unsere Sprachlandschaft ist tiefer vom Latein geprägt, als uns zumeist bewusst ist. Zweisprachigkeit ist tausend Jahre, Dreisprachigkeit Jahrhunderte ein Normalzustand. Eine Auseinandersetzung mit den Nachbarsprachen, mit dem lateinischen Hintergrund, Aneignung des Fremden, Übersetzung und Assimilation bringt im Gegenzug eine durchsichtige öffentliche Gemeinsprache hervor. Sprachkritik, insbesondere die programmatische Schrift Unvorgreiffliche Gedancken von Leibniz, wird zum Motor der Sprachgeschichte (besonders im 18. Jahrhundert). - Was bedeutet der Blick in die Geschichte für eine mögliche sprachliche Zukunft im 21. Jahrhundert?

    U. P.

    Mittwoch, den 7. Juni 2000
    PD Dr. Wilhelm Schmid (Berlin/Erfurt):
    Zur Neubegründung einer Philosophie der Lebenskunst

    Zum Vortrag:

    Die 1998 erschienene Philosophie der Lebenskunst (eine Habilitationsschrift) liegt unterdessen in 7. Auflage vor und hat auch bei den Medien Interesse gefunden. Die wichtigsten Thesen dieses philosophischen Ansatzes werden im Vortrag vom Autor vorgestellt und können anschließend diskutiert werden. Der Referent rekurriert darauf, dass die Frage nach der individuellen Lebensführung in der Philosophiegeschichte, vor allem in der antiken Philosophie, eine wichtige Rolle spielte, die sich jedoch in der Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts verloren hat. In der Gegenwart käme es darauf an, diese Geschichte wieder zu entdecken und Überlegungen zu einer philosophisch reflektierten, bewussten Lebensführung im Hinblick auf die Herausforderungen des Lebens im 21. Jahrhundert anzustellen.

    W. S.

    Donnerstag, den 24. Februar 2000
    Prof. Dr. Luigi Cataldi Madonna (L'Aquila):
    Humes skeptisches Argument gegen die Vernunft

    Zum Vortrag:

    Der Vortrag besteht aus vier Teilen. Zunächst gehe ich auf Humes Argumentation gegen die Verlässlichkeit der Vernunft und ihre Rekonstruktion durch DeWitt ein. Im zweiten Teil erörtere ich einen Einwand gegen DeWitts Rekonstruktion und frage, wie Hume seine These, keine Aussage sei gewiss, rechtfertigen kann und aus welchem Grund er seine skeptische Argumentation vorträgt. Im dritten Teil erläutere ich die Inkonsistenz zwischen der Argumentation gegen die Verlässlichkeit der Vernunft und anderen Teilen des Treatise. Abschließend schlage ich eine Modifikation der Argumentation vor, die die Natur der proofs berücksichtigt und die angesprochene Inkonsistenz auflösen kann.

    L. C. M.

    Dienstag, den 8. Februar 2000
    Dr. Kristiane Burchardi (Bremen):
    Kunstschutz zwischen Weltkunst und Beutekunst. Der deutsch-russische Streit um die kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter.

    Zum Vortrag:

    Die Auseinandersetzung um die sogenannte ‚Beutekunst‘ belastet seit Jahren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Der Vortrag möchte eine Bestandsaufnahme des Problems mit einem konkreten Vorschlag zu dessen Lösung verbinden:

    1. Ein Überblick über die Geschichte der ‚Beutekunst‘ zeigt die Relativität der Standpunkte in bezug auf Eigentumsansprüche und Entschädigungsforderungen.
    2. Eine Analyse der bisherigen Verhandlungen offenbart, dass bislang nationalistisch motivierte Stimmungen in Russland einerseits und das Beharren der Bundesregierung auf dem Rechtsstandpunkt andererseits eine produktive Lösung verhindert haben.
    3. Das Problem wird in einem gesamteuropäischen Zusammenhang als Chance für die deutsch-russische Verständigung reflektiert. Diese ist dann möglich, wenn beide Seiten auf ihre nationalen Eigentumsansprüche verzichten und die ‚Beutekunst‘ als Teil einer gemeinsamen europäischen Identität begreifen. Auf einen solchen Einstellungswechsel zielt die Formulierung eines Lösungsvorschlages, der über die bisherigen Ansätze hinausgeht.

    K. B.

    Donnerstag, den 20. Januar 2000
    PD Dr. Uwe Neddermeyer (Köln):
    Der Historiker Leibniz vor dem Hintergrund der frühneuzeitlichen Historiographie und der zeitgenössischen Geschichtskenntnisse

    Zum Vortrag:

    In der frühen Neuzeit wurde das Fach ‚Geschichte‘ und die Entwicklung der Geschichtswissenschaft zwar durch einzelne bedeutende Gelehrte sehr gefördert. Die allgemeinen Darstellungen blieben jedoch mit wenigen Ausnahmen überkommenen mittelalterlichen Konzepten verhaftet, die von Philipp Melanchthon wenig verändert auf die frühneuzeitliche Historiographie übertragen worden waren: Die Werke wurden im Umfeld der Fürsten geschrieben oder von weltlichen bzw. kirchlichen Institutionen getragen, zu großen Teilen aus älteren Vorlagen kompiliert, orientierten sich an der Form der ‚Weltchronik‘ bzw. ‚Historia universalis‘ und dienten der Vermittlung eines linearen christlichen Vergangenheitsbildes, das auf der biblischen Geschichte aufbaute. Die Kenntnisse breiterer Kreise beruhten allein auf der Lektüre solcher traditioneller Gesamtdarstellungen. Der Vortrag versucht die Frage zu beantworten, ob und wie sich Leibniz' Vorstellungen von der ‚Historia‘ und seine historischen Werke von diesem Hintergrund abheben.

    U. N.

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